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Ernährungskommunikation in postfaktischen Zeiten

Auf Gefühlen beruhende Aussagen erreichen Menschen besser als gesicherte Fakten. 2016 wurde dafür das Wort „postfaktisch“ geprägt. Was bedeutet die Entwicklung für die Ernährungskommunikation?

Frau steht vor geöffnetem Kühlschrank und schaut verschmitzt
iStock.com / RapidEye

Vegan oder Paleo, low carb oder low fat, Gesundheit oder Genuss? Nie waren die Menschen so unsicher, wenn es um „die richtige“ Ernährung geht, wie heute. Oder, wie es der Kulturwissenschaftler Markus Schreckhaas auf der 1. Tagung der Ernährungsumschau am 27. Oktober 2017, ausdrückte: „Der essende Mensch befindet sich heute in einer unübersichtlichen Lage. Wie bei einer Hydra tun sich neue Fragen auf, sobald eine Antwort gefunden scheint.“ Das wundert nicht, denn das via Computer und Smartphone ständig verfügbare Internet ist voll mit widersprüchlichen Behauptungen rund um die Themen Ernährung und Lebensmittel. Außerdem rücken Emotionen in den Vordergrund, denn die wirken deutlich stärker auf den Menschen als Fakten. Diese Entwicklung gipfelt in der Wortschöpfung „postfaktisch“.

Vegan als Beispiel postfaktischer Kommunikation

Die Wissenschaftsjournalistin und medienkritische Bloggerin Johanna Bayer erläuterte, wie Ernährungstrends durch eine Kommunikationsstrategie gepusht werden, die anerkannte Fakten ignoriert und unbewiesene Behauptungen in den Mittelpunkt stellt. Beispiel vegane Ernährung. Mitverantwortlich an diesem Hype ist der Verein ProVeg Deutschland, ehemals Vegetarierbund. Der argumentiere unter anderem damit, dass „die Anatomie des Menschen eher für eine pflanzliche Ernährungsform spricht“ und setzt „vegetarisch-vegan“ mit „gesund“ gleich. „Obwohl man die Gretchenfrage gesund oder ungesund so pauschal gar nicht stellen kann, werden Lebensmittel seit der veganen Bewegung wieder vorrangig unter diesem Aspekt diskutiert“, beobachtet Johanna Bayer.

Interessant sei außerdem, dass derartige NGOs oft nicht als Interessenverbände, sondern unabhängige Fachverbände wahrgenommen werden. Das erklärt, warum bestimmte Thesen oder Schätzungen zur Zahl vegan lebender Menschen unkritisch von den Medien aufgegriffen und verbreitet werden. „Gleichzeitig bestimmen auffällige viele medizinische Laien die vegane Diskussion“, so Bayer.

Möglicher Megatrend Clean Eating

Ähnlich sieht es bei der aktuellen Clean-Eating-Welle aus. Auch hier tragen auf gefühlten Wahrheiten basierende und Emotionen schürende Aussagen wie „Weißmehl macht den Darm löchrig“ zum Erfolg bei. Und auch hier findet eine kategorische Einteilung der Lebensmittel in gesund und ungesund statt, die nicht hinterfragt wird. Dazu kommt der Fokus auf viel Sport und ein gezieltes Stressmanagement durch beispielsweise Yoga oder Meditation. In erfolgreichen Blogs und auf Social-Media-Kanälen berichten sympathische Verfechter der neuen Ernährungsweise über ihre Erfahrungen, verraten Tipps und Rezepte und geben die nötige Struktur für eine Ernährungs- und Lebensstiländerung vor. Daher meint Johanna Bayer: „Diese Vollwerternährung im neuen Gewand hat abseits des postfaktischen Geschwurbels durchaus das Zeug zum Mega-Trend.“

Konsequenzen für die Ernährungskommunikation und Beratungspraxis

Vor diesem Hintergrund ist eine glaubwürdige und emphathische Ernährungskommunikation wichtiger denn je. Nur dadurch lässt sich Vertrauen und Orientierung im Dschungel von Halb- und Unwahrheiten schaffen. Natürlich basiert eine solche Kommunikation auf gesicherten Fakten. Das schließt jedoch eine gekonnte emotionale Ansprache, Storytelling, bunt verpackte, einfache Botschaften und alltagstaugliche Tipps nicht aus.

Auch ErnährungsberaterInnen sehen sich heute täglich mit postfaktischen Aussagen konfrontiert. Kommen Klienten damit in ihre Praxis, empfiehlt sich genaues Nachhaken: Woher stammt diese Information? Wer hat sie verbreitet? Dann geht es nicht nur darum, die Fakten geradezurücken. Gleichzeitig gilt es, herauszufinden, warum genau diese Aussage den Patienten so beschäftigt und was das für die weitere Beratungspraxis – auch auf der Beziehungsebene – bedeutet.

Gabriela Freitag-Ziegler, Bonn

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