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Ernährungskommunikation: Verantwortung der Medien

Meldungen zu veröffentlichen ist wie einen Papierflieger loszuschicken. Die Botschaft ist handlich gefaltet, das Ziel vor Augen, und doch kann die Reise ganz anders ausgehen als gedacht.

Frau mit großem Papierflieger
krimar / Fotolia.com

Der Ursprung

 

Mit ihrer großen Reichweite haben Medien eine besondere Verantwortung, wie diese Geschichte zeigt:

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) untersucht und bewertet die Sicherheit von Lebensmitteln. Ergeben sich gesundheitliche Risiken und lassen sich diese wissenschaftlich zweifelsfrei absichern, erarbeitet das BfR daraus Empfehlungen zur Risikobegrenzung und kommunziert Prozess und Ergebnisse. Am Anfang unserer Geschichte stand eine Vermutung des BfR, dass Säuglingsanfangs- und Folgenahrung gesundheitlich bedenkliche 3-MCPD-Fettsäureester enthalten kann. Das BfR ging nicht von einer akuten Gesundheitsgefahr aus – sonst hätten die Produkte auch vom Markt genommen werden müssen. Das tatsächliche Risiko erläuterte das BfR detailliert mit dieser Aussage: „Nach dem derzeitigen Stand des Wissens können insbesondere Säuglinge über Anfangs- und Folgenahrung Mengen an 3-MCPD-Estern aufnehmen, bei denen im ungünstigen Fall der Sicherheitsabstand zu den im Tierversuch beobachteten Wirkungen als zu gering angesehen wird. Deshalb sieht das BfR Handlungsbedarf im Hinblick auf die Minimierung der Gehalte. Von einer akuten Gesundheitsgefahr geht das BfR nicht aus“.

Der Hinweis, dass die Gehalte an diesen Estern in Säuglingsmilch gesenkt werden müssten, war völlig berechtigt und richtig. Es gab Hinweise auf ein Risiko, das auch offen kommuniziert wurde. Doch die sich anschließende Berichterstattung löste eine Welle aus, die so nicht vom BfR beabsichtigt war.

Die Folgen

Natürlich griffen die Medien die Meldung prompt auf. Ökotest beurteilte im nächsten Test von Säuglingsnahrung die meisten Nahrungen um zwei bis drei Noten schlechter, weil dieses Mal auch 3-MCPD-Fettsäureester mit untersucht wurden. Ökotest zitierte das BfR, man ginge nicht von einer akuten Gesundheitsgefahr aus. Aber im nächsten Satz hieß es: „Wie hoch das tatsächliche Risiko ist, kann nicht abschließend geklärt werden.“ Das bewirkte eine ziemliche Verunsicherung derjenigen Mütter, die ihre Babys mit Säuglingsmilch versorgten. 

Der Westdeutsche Rundfunk verfolgte das Thema ebenfalls in „Servicezeit Gesundheit“ und wählte dafür den reißerischen Titel „Babymilch ist mit Vorsicht zu genießen“. Die wachsende Verunsicherung von Müttern zeigte sich schnell auch in den Foren zum Thema Kinderernährung. Das zeigte zum Beispiel dieser Kommentar auf www.waswiressen.de: „In der aktuellen Ökotest ist Babymilch getestet worden. Sie soll so genannte 3-MCPD-Fettsäureester enthalten, die Tumore auslösen können. Ich füttere meiner Tochter (knapp 5 Monate) Alete 2 Folgemilch. Ich bin etwas entsetzt darüber, meiner Tochter jetzt eventuell damit schaden zu können. Was kann ich tun? (...) Trifft das Ganze für Babybreie auch zu? Ich bin ehrlich gesagt sehr verunsichert.“

Mit der Annahme, dass industrielle Säuglingsmilch möglicherweise krebserregend für Babys sein könne, gipfelte die Geschichte in eine Befürchtung, die nur noch wenig mit den ursprünglichen Aussagen des BfR zu tun hatte. Das BfR hatte lediglich darauf hingewiesen, dass es im Tierversuch zu einer Zunahme der Zellzahl in der Niere gekommen sei. Von Tumoren bei Menschen war überhaupt nicht die Rede gewesen. 

Diese Geschichte zeigt: Gerade bei komplexen Zusammenhängen kann durch Verkürzung oder Verdrehung der wissenschaftlichen Fakten schnell ein falsches Bild entstehen. Im Sinne von "bad news are good news" ist das oft sogar erwünscht. Denn das verschafft den Medien im harten Kampf um Leser oder Zuschauer Aufmerksamkeit und einen Vorsprung vor der Konkurrenz. Den Verbrauchern ist damit wenig geholfen: Statt seriöse Informationen und hilfreiche Tipps für ihre Kaufentscheidungen zu erhalten, bleiben sie ratlos und verunsichert zurück.

Quelle: Mehr als wir verdauen können! (Bestell-Nr. 3387)

Dr. Margareta Büning-Fesel und Gesa Maschkowski, BZfE

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