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Nachhaltige Ernährung

"Die Fortschritte im Gesundheitsbereich haben einen hohen Preis. Sie zerstören unsere Umwelt in einem Ausmaß, das es noch nie zuvor gegeben hat."

Wasserfall und Wald
Foto-Jagla.de / Fotolia.com

Mit diesen Worten veröffentlichte die Zeitschrift The Lancet im Juli 2015 den Bericht „Planetary Health“. „Wir verspielen die Gesundheit zukünftiger Generationen, um kurzfristige ökonomische Gewinne und Entwicklungsziele zu erreichen“, heißt es dort. Der Bericht wurde von einem internationalen Team hochrangiger Vertreter aus Wissenschaft und Politik verfasst.

Gleichzeitig kündigte die Rockefeller-Stiftung an, 15 Millionen US-Dollar in eine neue Wissenschafts-Disziplin zu investieren, genannt Planetary Health – die ökologische Gesundheitsförderung. Es ist Zeit für einen neuen Ansatz, heißt es auf der Website der Stiftung: Jedes Jahr verlieren wir 1 bis 2,3 Millionen fruchtbares Ackerland. Im Jahr 2050 werden 40 % der Weltbevölkerung unter massivem Wasserstress leiden.

Ganz ähnlich äußerte sich schon 2011 die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, FAO. Im Rahmen des internationalen Symposiums zur „Biodiversität und Nachhaltigkeit gegen Hunger“ wurde ein Manifest erarbeitet. Dort heißt es: „Die Gesundheit der Menschen kann nicht mehr von der Gesundheit der Ökosysteme getrennt werden“.

Planetary Health Report

Der Planetary Health Report zeigt Zusammenhänge zwischen Umwelt- und Gesundheitsschäden: So sind gut 35 % der globalen Lebensmittelerzeugung abhängig von bestäubenden Insekten. Ein Fortschreiten des Insektensterbens hätte dramatische Gesundheitsfolgen, denn die Vielfalt der Früchte, Gemüse und Nüsse würde sich verringern. Wenn die Insektenpopulation um 50 % schrumpft, dann ist mit 700.000 zusätzlichen Todesfällen pro Jahr allein durch Vitaminmangel zu rechnen.

Neue Allianzen und Akteure

Neu ist die Diskussion um die ökologischen Grenzen der Erde nicht. Schon vor gut 40 Jahren warnte der Club of Rome in seinem Gutachten „Die Grenzen des Wachstums“, vor den katastrophalen ökologischen Konsequenzen eines „weiter so wie bisher“. Neu sind die Akteure und Allianzen, die dieses Thema vorantreiben. Dazu gehören nicht mehr nur die Wissenschaft, sondern auch Vertreter der Politik, staatliche Behörden, Gremien wie die Weltgesundheitsorganisation WHO, Kommunen, Kirchen und unzählige bürgerschaftlich organisierte Initiativen und Organisationen. Im Jahr 2011 veröffentlichte die FAO eine Definition von nachhaltiger Ernährung, die im Rahmen des Symposiums „Biodiversität und Nachhaltigkeit gegen Hunger“ erarbeitet wurde.

Definition einer nachhaltigen Ernährung

Nachhaltige Ernährungsweisen haben geringe Auswirkungen auf die Umwelt, tragen zur Lebensmittel- und Ernährungssicherung bei und ermöglichen heutigen und zukünftigen Generationen ein gesundes Leben. Sie schützen und respektieren die biologische Vielfalt und die Ökosysteme, sie sind kulturell angepasst, verfügbar, ökonomisch gerecht und bezahlbar, ernährungsphysiologisch angemessen, sicher und gesund, und verbessern gleichzeitig die natürlichen und menschlichen Lebensgrundlagen.

Quelle: FAO 2012

Neue Erkenntnisse zur nachhaltigen Ernährung

Auch viele Forschungsarbeiten haben sich in den letzten Jahrzehnten mit den ökologischen Folgen des modernen Ernährungssystems auseinandergesetzt. Ein Meilenstein auf diesem Weg war die Definition der „Planetary Boundaries“ – „Grenzen der Erde“.  Auch das Konzept der planetaren Grenzen wurde von Wissenschaftlern weltweit erarbeitet, unter Beteiligung des deutschen Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK).

Die planetaren Grenzen (Grafik)
Die planetaren Grenzen

Vier von neun planetaren Grenzen sind durch den Einfluss des Menschen bereits überschritten: Klimawandel, Biodiversität, Landnutzung sowie die Stickstoff- und Phosphorkreisläufe. Das Ernährungssystem ist maßgeblich daran beteiligt: Die Weltmeere drohen zu versauern, weil sich der Phosphoreintrag durch die Düngung verdreifacht hat, verglichen mit vorindustriellen Zeiten. Der Stickstoffeintrag in Gewässer hat sich seit der Herstellung von chemischen Düngemitteln sogar verzehnfacht. So stellte der deutsche Sachverständigenrat für Umweltfragen im Jahr 2015 fest, dass 26 % aller Grundwasserkörper in Deutschland wegen hoher Nitratgehalte in einem schlechten chemischen Zustand sind. Auch etwa 25 % der Emissionen von klimaschädlichen Gasen in Europa gehen auf das Konto der Lebensmittelerzeugung. Die klimawirksamen Gase entstehen durch die Nutzung von fossilen Rohstoffen bei der Lebensmittelerzeugung, bei der Verarbeitung und Verpackung, durch Lebensmitteltransport und Lagerung sowie bei der Zubereitung.

Ursachen: Falsche Prioritäten, fehlendes Wissen, Empathie

Wie kam es eigentlich zu dieser Entwicklung, in dem wir wider besseres Wissen unsere eigenen Ernährungsgrundlagen vernichten, fragten sich die Wissenschaftler des Planetary Health Reports. Sie haben drei verschiedene Problembereiche identifiziert, die nun in Angriff genommen werden müssen:

  • Herausforderungen an unsere Vorstellungskraft - falsche Konzepte und zu wenig Mitgefühl: Die Abhängigkeit westlicher Gesellschaften vom Bruttosozialprodukt als Maßstab menschlichen Fortschritts ist ein konzeptioneller Fehler. Hinzu kommen falsche Prioritäten. Kurzfristige Gewinne sind wichtiger als die Gesundheit in der Zukunft und die Erhaltung der Erde. Dies trifft vor allem die Armen und die Menschen im globalen Süden der Erde.
  • Herausforderungen für Wissenschaft und Kommunikation - fehlendes Wissen: Dieser Punkt beschreibt unsere Unfähigkeit, die sozialen und ökologischen Ursachen von Krankheit angemessen zu adressieren, aber auch den Mangel an transdisziplinärer Forschung und Forschungsförderung bei der Praktiker und Wissenschaftler auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Hinzu kommen die Unfähigkeit, bei Entscheidungsprozessen mit Unwissen umzugehen.
  • Herausforderung für die Politik - Umsetzungsfehler: Regierungen und Institutionen erkennen Gefahren zu spät und handeln zu spät, vor allem wenn es Unsicherheiten bei der Risikobewertung gibt, wenn Gemeingüter wie Wasser, Land und Luft betroffen sind und wenn es eine Zeitverschiebung gibt zwischen Ursache und Wirkung.

Lösungsstrategien

Die Planetary Health Kommission hat acht Lösungsstrategien erarbeitet, fast alle haben auch mit dem Ernährungssystem zu tun. Durch eine klimafreundliche Lebensmittelauswahl lassen sich bis zu 50 % der Emissionen einsparen, auch die Verringerung von Lebensmittelverderb ist zentral. Mindestens genauso wichtig aber sind koordinierte politische Rahmenbedingungen von der internationalen Ebene bis hin zur Kommune, die dafür sorgen, dass die Umweltschäden verringert werden. Ein weiterer Fokus ist die Entwicklung von nachhaltigen und resilienten Städten, die einen zukunftsfähigen Lebensstil ermöglichen.

Ein Netzwerk von britischen Universitäten und Bildungseinrichtungen hat aus dem Planetary Health Report schon Konsequenzen für ihren Lehrplan gezogen. In einem aufwändigen Befragungs- und Diskussionsverfahren mit Fachleuten haben sie drei Bildungsziele für Fachkräfte der Gesundheitsförderung entwickelt.

Drei übergreifende Lernziele für Nachhaltigkeit und Gesundheitsförderung

  • Beschreibe wie Umwelt und Gesundheit auf unterschiedlichen Ebenen miteinander in Wechselwirkung stehen.
  • Zeige Wissen und Fähigkeiten, um die Nachhaltigkeit des Gesundheitssystems zu verbessern.
  • Diskutiere inwieweit die Pflicht der Ärzte, Gesundheit zu schützen und zu fördern dadurch beeinträchtigt wird, dass die die Gesundheit vom lokalen und globalen Umfeld abhängt.

Nichthandeln ist keine Option

„Wir leben in einer Schicksalsgemeinschaft auf diesem Planeten und mit diesem Planeten. Die Auswirkungen unseres Handelns tragen wir alle, gleich ob reich oder arm. In einer Zeit wie heute ist Nichthandeln keine Option mehr, für niemanden von uns“.

Alex Ezeh, Executive Director, African Population and Health Research Center (APHRC)“, Mitglied der Rockefeller Lancet Kommission

Autorin: Gesa Maschkowski, BLE

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