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Nachhaltige Ernährungsinitiativen

Gemüse selbst anbauen, bei der Ernte mithelfen, sich gegen Lebensmittelverschwendung engagieren – das sind Beispiele für neue, zivilgesellschaftliche Initiativen im Ernährungsbereich.

Buffet auf einem SoLaWi-Sommerfest
Gesa Maschkowski

Freude am Entdecken und Mut zum Experiment

Menschen bei der gemeinsamen Ernte auf einem Acker
Gemeinsam Lebensmittel ernten macht Spaß

Viele Menschen suchen nach Alternativen zu unserem Ernährungssystem, das in großem Maßstab gleichförmige und anonyme Massenprodukte herstellt, die hoch verarbeitet, aufwendig verpackt und weit transportiert werden. Auf allen Stufen der Lebensmittelkette entstehen nachhaltige Ernährungsinitiativen. In Urban Gardening-Projekten und Selbsterntegärten, Foodcoops und Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften, Solidarischen Landwirtschaften und regionalen Netzwerken ist der Tatendrang spürbar, sich an der Lösung gesellschaftlicher Probleme zu beteiligen. „Es macht Spaß“ oder „Mut zum Experiment“ und „Freude am Entdecken“ – so äußert sich die wachsende Begeisterung am gemeinsamen Wirtschaften für eine nachhaltige Ernährungsversorgung – vor allem auch bei jungen Menschen.

Gemeinsam wirtschaften und offen für alle sein

Das Besondere an diesen Ernährungsinitiativen ist, dass sie für jede und jeden offen sind. Etwas Positives bewirken – das steht für viele im Vordergrund ihrer Motivation. Die Beteiligten erleben einen neuen Zugang zur Natur wenn sie den Boden vorbereiten, wenn sie pflanzen und pflegen. Sie entwickeln aber auch neue Beziehungen zu anderen Menschen, die sich ebenfalls Sorgen um unsere Zukunft machen und sich von dem industrialisierten Ernährungssystem und einer anonymen Fremdversorgung abwenden möchten.

Jeder kann mitmachen

„Es ist nicht notwendig, Geld zu bezahlen oder Mitglied zu sein oder Wissen oder Werkzeug zu haben. Sondern jeder kann kommen und mitmachen und wir haben somit keine Schranken, die Leute ausschließen. Wir bieten auch einen Erfahrungsraum für uns selbst und für alle anderen, um selbst ausprobieren zu können.“

Quelle: Praxispartner 07/2015 des BMBF-Projektes nascent

Das zentrale Motto der neuen Ernährungsinitiativen lautet: Do it together. Das gemeinsame Machen birgt ein großes Potential der Veränderung. Es steht für eine Abwendung vom Materiellen und eine Hinwendung zum Kulturellen und zur Selbstentfaltung. Damit verändert sich auch unser Verständnis von Zusammenarbeit „vom hierarchisch-antagonistischen System- und Konkurrenzmodell zur Netzwerkorganisation, zum kreativen Team, zur Interaktion, zum Dialog“, so beschreibt es der Politikwissenschaftler Rolf Reißig.

Experimentierräume für den Rückbau einer globalisierten Konsumgesellschaft

Geträünkekartons hängen als Pflanzbehälter an einer Holzwand
Upcycling: Getränkekartons als Pflanzbehälter

Ein unbegrenztes Wirtschaftswachstum auf einem begrenzten Planeten ist faktisch nicht möglich. Eine zentrale Herausforderung für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft liegt in der Umgestaltung unseres wachstumsorientierten Wirtschaftssystems hin zu einem nachhaltigen. Zu den Vordenkern der so genannten Postwachstumsökonomie gehören Ökonomen wie Tim Jackson und Niko Paech. Sie halten es für erforderlich, dass industrielle, arbeitsteilige und globale Wertschöpfungsprozesse mit einer reinen Fremdversorgung schrittweise zurückgebaut werden. Die Voraussetzung für neue, zukunftsfähige Versorgungsmuster und Produktionsweisen ist aber auch ein kultureller Wandel bei den „sozialen Praktiken“ des Wirtschaftens.

So lässt sich die Do-it-yourself-Bewegung (DIY) als Übungsfeld einer postkapitalistischen Praxis verstehen, die gemeinschaftlich und basisdemokratisch organisiert ist, seien es das Upcycling mit seinen künstlerisch/handwerklichen Leistungen zur Weiterverwertung ausrangierter Gegenstände oder Tauschbörsen zu denen auch die Foodsharing-Initiativen gehören.

Von urbanen Gärten über Solidarische Landwirtschaft bis hin zu regionalen Netzwerken

Nachhaltige Ernährungsinitiativen gibt es auf allen Stufen der Lebensmittelkette in ganz unterschiedlichen Größen und auch Reichweiten. Zentrales Merkmal ist das Co-Producing als Brücke zwischen Produktion und Konsum, z. B. in Foodcoops (engl. food cooperatives), in Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften oder Höfen der Solidarischen Landwirtschaft (Community Supported Agriculture – CSA). Statt lediglich zu konsumieren stehen Verantwortung und aktive Beteiligung an der Produktion von Lebensmitteln im Zentrum. Aus Konsument/innen werden Prosument/innen. Gleichzeitig verringert sich auf diese Weise der Anteil marktbasierter Fremdversorgung mit anonymen Lebensmittelprodukten. Die wachsende Bedeutung bäuerlich-ökologischer Wirtschaftsweisen trägt zur Schrumpfung der industrialisierten Land- und Ernährungswirtschaft bei. Lokale und regionale Wirtschaftskreisläufe werden gefördert – Ernährungssouveränität verbessert.

Der Mensch im Mittelpunkt

"Ernährungssouveränität stellt die Menschen, die Lebensmittel erzeugen, verteilen und konsumieren, ins Zentrum der Nahrungsmittelsysteme, nicht die Interessen der Märkte und der transnationalen Konzerne."

Quelle: Erklärung von NYÉLÉNI, Nyéléni, Gemeinde Sélingué, Mali

Wir sprechen dann von transformativen Wirtschaftsformen, wenn diese in einem doppelten Sinn gesellschaftsverändernd wirken: Sie stehen erstens qualitativ für eine nachhaltige Ernährungswirtschaft und Ernährungskultur und sie besitzen zweitens das Potenzial, nicht-nachhaltige Formen der Ernährungswirtschaft zu verdrängen.

Welche Arten von Ernährungsinitiativen gibt es?

Die Ernährungsinitiativen lassen sich auf drei Ebenen einordnen, abhängig von ihrer räumlichen Reichweite bzw. organisatorischen Ausdehnung. Auf jeder Ebene zeigen sich besondere Wertschöpfungsmodelle als Charakteristika der transformativen Wirtschaftsformen.

Transformationstypologie des BMBF-Projektes nascent
Transformationstypologie

 

Auf der Mikroebene sind dies Beziehungen zwischen (einzelnen oder Gruppen von) Bürger/innen, Konsument/innen oder Haushalten und befähigungsorientierten Initiativen zur Unterstützung von Selbstversorgung mit Lebensmitteln. Beispiele hier sind Gemeinschaftsgärten, die Befähigung zu eigener Lebensmittelproduktion durch neue Produkte/Dienstleistungen wie Selbsternteprojekte/Mietgärten und Befähigung zu komplexerer Lebensmittelproduktion durch Aquaponik-Technik (Aufzucht von Fischen in Aquakultur und Gemüseanbau).

Die Ebene der lokalen Gemeinschaften umfasst Beziehungen zwischen städtischen oder dörflichen Gemeinschaften bzw. lokalen Konsument/innengruppen und landwirtschaftlichen Betrieben. Hier finden sich Geschäftsmodelle wie Foodcoops und Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften als konsumentengetriebene Wirtschaftsgemeinschaften. Sie tragen zur langfristigen Verbindung regionaler landwirtschaftlicher Produktion mit definierten Konsument/innenkreisen bei. Abokisten-Anbieter wirken als Vermittler zwischen landwirtschaftlichen Erzeugern und regionalen Verbrauchern. Das Ernteteilen mit einem Betrieb der Solidarischen Landwirtschaft ermöglicht eine solidarische Beziehung zwischen Landwirt und Mitgliedern.

Auf der dritten Ebene schließlich sind es die regionalen Netzwerke, wie Regionalmarken, solidarische Netzwerke, Ökodörfer, Ernährungsräte etc. Sie knüpfen die Beziehungen zwischen (Groß-)Verbrauchern (z. B. Gastronomie, Kommunen, Betriebe) und Verbünden bzw. Anbieternetzwerken. Ziel ist der Aufbau von integrierten regionalen Kooperationsnetzwerken über verschiedene Wertschöpfungsstufen hinweg.

Transformatives Wirtschaften: Der Kern des Neuen

In den so genannten „Bottom-Up-Initiativen“ gestalten und organisieren Menschen selbst die Bedingungen für die Lebensmittelerzeugung und die ökonomische Selbstbegrenzung. Urban Gardening beispielsweise macht den Gemeingutcharakter des öffentlichen Raumes sichtbar und organisiert die Inbesitznahme und Gestaltung. Solidarische Landwirtschaft geht einen Schritt weiter. Sie bricht mit den tragenden Säulen bisherigen Wirtschaftens. Das betrifft die Finanzierung, aber auch die Produzenten-Kundenbeziehung. Es geht um Teilhabe, um partnerschaftliche Befähigung und Prosuming.

Wandel gesellschaftlicher Wertvorstellungen

Die weitreichenden Veränderungspotenziale für transformatives Wirtschaften zeigen sich in der Abkehr vom Wachstumsimperativ (reine Marktkoordination, Effizienzstreben und Globalisierung), den neuen Bedeutungen von Besitz und Teilen als Alternative zum Privateigentum sowie der zentralen Position von Eigeninitiative und Gemeinschaftlichkeit an der Stelle reiner Fremdversorgung.

Durch die Eigeninitiative wird die reine Fremdversorgung abgelöst. Zum Treiber für Veränderung wird Selbstermächtigung, das gemeinschaftliche Experimentieren und Üben. Das Prinzip des Do it together transformiert die herkömmliche Ernährungspraxis grundlegend. Im gemeinschaftlichen Tun zeigen sich völlig neue Kooperationsmuster und Beteiligungsformen. Es geht um Mitgestaltung der Gesellschaft und ein solidarisches Miteinander. Damit verschieben sich auch die Beziehungen zwischen den Akteuren etwa den Verbrauchern und Verbraucherinnen, dem Handel und den Landwirten und Landwirtinnen - und mit ihnen die Macht- und Einflussverhältnisse, die den Sektor bis dahin geprägt haben. Dieser Prozess bedarf aber auch einer Vielzahl hoch motivierter und engagierter Menschen. Sie schöpfen ihre Motivation aus einem hohen Grad an Experimentierfreude und Sinnstiftung im Eintreten für gemeinsame Ziele.

Literaturquellen

Reißig, R. (2014): Transformation – ein spezifischer Typ sozialen Wandels. Ein analytischer und sozialtheoretischer Entwurf. In: M. Brie (Hrsg.): Futuring. Perspektiven der Transformation im Kapitalismus über ihn hinaus (S. 50-100). Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot, hier: 74.

Jackson, T. (2011): Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt. München: oekom; Paech, N. (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: oekom.

Baier, A., Hansing, T., Müller, C., Werner, K. (2016): Die Welt reparieren. Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis. Bielefeld, Bielefeld: Transcript Verlag.

Autorin: Dr. Irene Antoni-Komar, Oldenburg

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