Springe direkt zum Inhalt , zum Menü .

Risikofaktor Mangelernährung

Durch Corona ist auch das Thema Mangelernährung in den Fokus geraten. Bei gefährdeten Personen ist es jetzt besonders wichtig, bereits im Vorfeld auf den Ernährungszustand zu achten.

Älterer Mann im Krankenbett mit Glas in der Hand
Rido / stock.adobe.com

„Fehl- und mangelernährte Personen sind bei einer COVID-19-Erkrankung besonders gefährdet“, warnt Prof. Stephan C. Bischoff von der Universität Hohenheim. Ein Aufenthalt auf der Intensivstation führe bei COVID-19-Patienten häufiger dazu, dass Fehl- und Mangelernährung entstehen oder sich weiter verschärften. Das Virus befalle zwar vor allem die Atemwege, durch Übelkeit, Erbrechen und Durchfall könne sich jedoch die Nahrungsaufnahme und -verwertung zusätzlich verschlechtern. Der Ernährungsmediziner weist daraufhin, dass ein guter Ernährungszustand der Patienten die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Krankheitsverlauf oder bleibende Folgeschäden deutlich verringere. „Die Prävention, Diagnose und Behandlung von Unter- und Fehlernährung sollte daher routinemäßig fester Bestandteil der Therapie von COVID-19-Patienten sein“, fordert Bischoff. Bereits im Vorfeld sei es wichtig, bei gefährdeten Personen verstärkt auf den Ernährungszustand zu achten. Dazu gehörten nicht nur ältere Menschen, sondern auch Kinder, betont Bischoff.

„Altersschwäche“ oder Mangelernährung

Das Problem: Mangelernährung wird häufig nicht als solches erkannt oder beachtet. Die Symptome wie Blässe, Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Gewichtsverlust sind eher unspezifisch und werden häufig als „Altersschwäche“ bezeichnet. Doch sie sind nicht selten Folge einer Mangelernährung. Das wichtigste Symptom ist der ungewollte Gewichtsverlust.

Was ist Mangelernährung?

Bei Mangelernährung besteht ein Mangel an Nahrungsenergie, Protein oder anderen Nährstoffen, der Körperfunktionen verändert, einen ungünstigen Krankheitsverlauf zur Folge hat und der sich durch entsprechende Ernährungstherapie rückgängig machen lässt. Unterschieden wird zwischen einer quantitativen und qualitativen Mangelernährung, die beide auch in Kombination vorkommen können. Bei der quantitativen Mangelernährung nimmt der Körper langfristig weniger Energie auf, als er benötigt. Bei der qualitativen Variante liegt ein Mangel an Protein oder anderen Nährstoffen vor. Kritisch kann im Alter neben der Energiezufuhr die Versorgung mit den Vitaminen D, E, Folat, B12 und C sein sowie mit den Mineralstoffen Calcium und Magnesium. Hinzu kommt, dass ältere Menschen häufig zu wenig trinken (DGE 2014).

Gesundheitliche Folgen

Bleibt die Mangelernährung unbehandelt, verschlechtert sich die Lebensqualität der Betroffenen: Sie verlieren an Gewicht, die Muskelkraft lässt nach und das Risiko für Stürze und Knochenbrüche nimmt zu. Die Wundheilung und die Funktion des Immunsystems sind beeinträchtigt und Mangelernährte brauchen länger, um sich von Krankheiten zu erholen. Auch Nerven und Gedächtnis werden in Mitleidenschaft gezogen. Insgesamt haben Mangelernährte ein höheres Risiko für zahlreiche Krankheiten und ein höheres Risiko, vorzeitig zu sterben.

Älter Mann isst Suppe

Die Ursachen einer Mangelernährung können vielfältig sein: Möglich sind physiologische Veränderungen wie nachlassendes Durstempfinden oder Probleme beim Kauen oder Schlucken, eine Grunderkrankung, die die Nahrungsaufnahme beeinträchtigt, die Einnahme von Medikamenten oder psychische Veränderungen wie Vergesslichkeit oder Einsamkeit.

Die Situation in Kliniken und Pflegeheimen

Mangelernährung kann zwar in jedem Alter auftreten, ist aber vor allem ein Problem älterer Menschen. Während jüngere Senioren eher zu Übergewicht neigen, kommt die quantitative Mangelernährung häufiger bei Hochbetagten (75-89 Jahre) vor. Auch kranke Senioren sind öfters mangelernährt. In deutschen Kliniken sind bis zu 30 Prozent der Patienten mangelernährt, in deutschen Pflegeheimen bis zu 25 Prozent. Das zeigt eine Auswertung von Daten des nutritionDay (Vorabveröffentlichung in 2019 zum 14. DGE-Ernährungsbericht). Je nach Station in der Klinik können die Zahlen auch fast doppelt so hoch liegen (Pirlich et al. 2006). Mangelernährte Personen hatten ein deutlich höheres Risiko vorzeitig zu sterben und ihr Krankenhausaufenthalt dauerte wesentlich länger.

Die Daten des nutritionDay verdeutlichen aber auch, dass erforderliche Ernährungsstrukturen in Deutschland im Unterschied zu anderen europäischen Ländern nicht standardmäßig vorhanden waren: Nur zehn Prozent der deutschen Kliniken und 30 Prozent der Pflegeheime verfügten 2018 über eine Diätassistenz. Ein Ernährungsteam gab es in 58 Prozent der Kliniken und in 45 Prozent der Pflegeheime. Dabei wurden Ernährungsmaßnahmen wie das Verabreichen von angereicherter Kost oder Trinknahrung deutlich häufiger durchgeführt, wenn Ernährungsfachkräfte tätig waren und routinemäßig auf Mangelernährung untersucht wurde.

Individuelle Ernährungstherapie – ein Plus für die Genesung

Wie wichtig eine Ernährungstherapie für mangelernährte Patienten im Krankenhaus ist, zeigt eine Studie mit Patienten im Alter von 70 Jahren (Schuetz et al. 2019). Eine Gruppe der Mangelernährten erhielt für 30 Tage eine individuell abgestimmte Ernährungstherapie mit berechnetem Kalorien- und Proteingehalt, Zwischenmahlzeiten, angereicherter Kost und Trinknahrung, die andere Gruppe bekam die übliche Krankenhauskost. In der Gruppe von Patienten mit Standardessen erlitten 27 Prozent schwere gesundheitliche Komplikationen wie Atemstillstand, Infektionen und Herz-Kreislauf-Ereignisse. Von den Patienten mit dem individuellen Essen waren nur 23 Prozent betroffen. Der Unterschied mag nicht groß erscheinen. Doch in der Gruppe mit Ernährungstherapie ließ sich im Vergleich zur anderen Gruppe auf 25 Patienten eine schwere Komplikation verhindern und auf 37 Patienten ein vorzeitiger Todesfall. Demnach können mangelernährten Patienten von einer individuell auf die Bedürfnisse abgestimmten Krankenhauskost profitieren.

Und schmecken muss das Essen auch

Patient hält Schüssel mit Salat in den Händen

Gerade für Patienten im Krankenhaus ist es wichtig, ausreichend und bedarfsgerecht versorgt zu werden. Auf die Frage, warum Patienten in Krankhäusern so schlecht essen, nannten die Betroffenen am häufigsten fehlenden Hunger. Weitere Gründe waren, dass sie den Geruch und Geschmack der Speisen im Krankenhaus nicht mochten. Die Angaben zeigen, wie wichtig ein schmackhaftes Essensangebot ist, das den Bedürfnissen und, wenn möglich, auch den Vorlieben des Patienten gerecht wird.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat entsprechende Qualitätsstandards für die Verpflegung in Krankenhäusern und Rehabilitationskliniken entwickelt. Die Leitfäden sollen dabei unterstützen, ein gesundheitsförderndes Speisenangebot umzusetzen. Krankenhäuser und Rehabilitationskliniken können sich nach diesen Qualitätsstandards zertifizieren lassen. Unter www.station-ernaehrung.de gibt es neben umfassenden Informationen zu den Qualitätsstandards auch eine Rezeptdatenbank und Speisepläne für vier Wochen.

Was Angehörige tun können – aufmerksam beobachten

Generell verspricht die Behandlung von Mangelernährung den größten Erfolg, wenn sie erkannt wird, bevor die Betroffenen stark an Gewicht verlieren. Denn ein Gewichtsverlust ist im Alter nur schwer wieder auszugleichen. Am besten ist natürlich, wenn es gar nicht erst zur Mangelernährung kommt und die ersten Symptome frühzeitig erkannt werden.

Wer einen engen Kontakt zu älteren Menschen hat, wie Verwandte oder Pflegekräfte, und sie aufmerksam beobachtet, kann Anzeichen eines schlechten Ernährungszustands möglicherweise früh bemerken und diese Beobachtung am besten direkt mit dem behandelnden Arzt besprechen. Er wird entsprechend weitere Schritte zur Diagnosestellung und falls erforderlich eine Therapie einleiten.

Selbst wenn das Essen in der Klinik bedarfsgerecht, ausgewogen und schmackhaft ist, kann es sein, dass Patienten keinen Appetit haben – aus welchen Gründen auch immer. Vor allem wenn das Risiko für eine Mangelernährung besteht, können eventuell auch Angehörige Initiative zeigen und versuchen, Betroffene zu motivieren, ausreichend zu essen und zu trinken. Vielleicht hilft es bereits, den Teller mit Speisen und Getränke zu reichen oder sie/ihn beim Essen zu unterstützen. Angehörige können sich zudem erkundigen, ob es in der Klinik eine Ernährungsfachkraft gibt, mit der die Esssituation, Vorlieben und Abneigungen besprochen werden können.

Informationen für Fachkräfte

  • Zusammenfassung und Übersetzung des Leitfadens mit 10 praktischen Empfehlungen der Europäische Gesellschaft für klinische Ernährung und Stoffwechsel (ESPEN) in Kooperation mit der Weltgesundheitsorganisation WHO von der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e. V. (DGEM)
    Die deutsche Zusammenfassung informiert, worauf bei der Ernährung von Covid19-Patienten im Krankenhaus zu achten ist – auf der Intensivstation und nicht auf der Intensivstation
    zur Übersetzung der Statements
     
  • Neuer Leitfaden zur Ernährungstherapie in Klinik und Praxis (LEKuP)
    Der Leitfaden wurde von sieben deutschen ernährungsmedizinischen Gesellschaften und Verbände erstellt und definiert eine gesundheitsfördernde Ernährung sowie ernährungstherapeutische Kost bei ernährungsmitbedingten Krankheitsbildern. Ein Kapitel ist dem Thema Mangelernährung gewidmet.
    zum Leitfaden
     
  • DGEM-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Intensivmedizin“
    Die Leitlinie gibt aktuelle Handlungsempfehlungen zur enteralen und parenteralen Ernährung erwachsener Patienten, die an mindestens einer akuten, medikamentös und/oder mechanisch unterstützungspflichtigen Organdysfunktion leiden:
    zur Leitlinie
     
  • DGE-Qualitätsstandard für die Verpflegung in Krankenhäusern
    Die Qualitätsstandards unterstützen Verantwortliche für die Verpflegung in Krankenhäusern und Rehabiliationskliniken bei der Umsetzung einer bedarfsgerechten und ausgewogenen Verpflegung:
    zu den DGE-Qualitätsstandards

Quellen:

Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE, Hrsg.): Mangelernährung im Alter. 2. Aufl, Bonn 2014

Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE, Hrsg.): Mangelernährung in Kliniken. Bonn, 2018

Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Gesundheitsproblem: Mangelernährung in deutschen Kliniken und Pflegeheimen. Presseinformation DGE aktuell 22/2019 vom 10.10.2019

Pirlich M, Schütz T, Norman K et al.: The German hospital malnutrition study. Clin Nutr 2006; 25: 563–72

Schuetz P, Fehr R, Baechli V et al.: Individualised Nutritional Support in Medical Inpatients at Nutritional Risk: A Randomised Clinical Trial. Lancet 2019; 393 (10188): 2312-2321

Universität Hohenheim: Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren. Pressemitteilung vom 28.04.2020

 

Dr. Claudia Müller, St. Augustin

als hilfreich bewerten 0 Versenden

Risikoabschätzung

Vorerkrankungen mit erhöhtem Risiko für schwere Verläufe von COVID-19

Neben Fehl- und Mangelernährung bringen auch andere Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe von COVID-19 mit sich. Bei welchen Altersgruppen oder in welchen Regionen Deutschlands diese Vorerkrankungen häufiger oder seltener vorkommen, hat das Wissenschaftsinstitut der AOK anhand von Daten ermittelt. Dem Bericht zufolge liegt bei mehr als einem Viertel der Einwohner in Deutschland ein solches erhöhtes Risiko vor. Das Risiko steigt mit zunehmendem Lebensalter deutlich an.

zum Bericht

Titelbild Ernährung im Fokus 2 2020
fotokitas/stock.adobe.com / BLE

Ernährung im Fokus

Fachzeitschrift Ausgabe 2 2020 Hunger - auch in Deutschland?

Wenn wir "Hunger" hören, haben wir oft Menschen in Afrika oder Asien im Sinn. Doch auch in reichen Ländern gibt es viele, die nicht genug zu essen haben, nicht genug essen können oder wollen. „Hunger“ umfasst sehr viele Aspekte. Einige der Facetten beleuchtet "Ernährung im Fokus".

Ernährung im Fokus 2 2020

Auch interessant

Senioren frühstücken am Tisch
Schubert Fotografie, BLE
In bestimmten Lebensphasen

Im hohen Alter: Essen und Trinken bei Demenz

Wenn das Gedächtnis krankhaft nachlässt

Ausreichendes Essen und Trinken trägt bei Demenz nicht nur zur Gesundheit, sondern auch zur Lebensqualität bei und gibt ein Gefühl der Sicherheit und Orientierung. Diese Tipps können helfen.

mehr...
Familie am Esstisch, Mutter gibt Tochter Salat
WavebreakmediaMicro / adobe.stock.com
Ernährung

Die Ernährungspyramide: Eine für alle

Die Basis für Ihren täglichen Genuss

Die Ernährungspyramide hilft Ihnen, Ihr tägliches Essen zusammenzustellen – ausgewogen, nach Ihren Vorlieben und ohne großen Verzicht und Kalorienzählen.

mehr...

Aus dem BZfE-Newsletter

zwei ältere Damen essen am Tisch
Schubert Fotografie, BLE

Mangelernährung im Alter

Neues Determinanten-Modell

Mangelernährung kann grundsätzlich in jedem Alter auftreten und ist insbesondere im Krankheitsfall anzutreffen.

mehr...

Ernährungsberatung

Wo finde ich einen Ernährungsberater?

Sie möchten eine persönliche Ernährungsberatung in der Nähe Ihres Wohnortes? Um Ihnen die Suche nach einem qualifizierten Ernährungsberater zu erleichtern, haben wir Links zusammengestellt zu Adresslisten mit freiberuflich tätigen Ernährungswissenschaftlern, Oecotrophologen, Diätassistenten und Ärzten - also Fachkräfte mit einer mehrjährigen Ausbildung auf dem Gebiet.

zum Artikel "Ernährungsberatung vor Ort"