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True Cost - Wahre Kosten

Verbraucher*innen bezahlen ihre Lebensmittel zweimal: Einmal an der Ladentheke und ein zweites Mal versteckt und auf Umwegen. Die wahren Kosten stehen derzeit nicht auf dem Preisschild.

Einkaufswagen mit Geldscheinen
Bumann / stock.adobe.com

Wie teuer sind unsere Lebensmittel wirklich?

Für jedes britische Pfund, das Verbraucherinnen und Verbraucher in Großbritannien für Lebensmittel ausgeben, entsteht ein weiteres Pfund an Folgekosten in Form von Gesundheits- und Umweltschäden. Das ist das Ergebnis des Berichtes „The Hidden Cost of UK Food“ – auf Deutsch: Die verborgenen Kosten der britischen Lebensmittel. Die britische Stiftung für nachhaltige Lebensmittel, der Sustainable Food Trust, hatte das Gutachten in Auftrag gegeben. Hochrangige Vertreterinnen und Vertreter der Lebensmittel- und Agrarindustrie, aus Wissenschaft und Politik und auch von Nichtregierungsorganisationen waren zur Präsentation nach London eingeladen.

Die britische Studie ist eine von zahlreichen Arbeiten, die versuchen, die wahren Kosten der Lebensmittelproduktion abzuschätzen. Das ist nicht einfach, aber es gibt immer wieder neue Studien. Sicher ist, dass unserere Lebensmittelpreise bislang trügerisch niedrig sind. Es fehlen die „versteckten Kosten“. Darunter verstehen die Autorinnen und Autoren Gesundheitskosten durch Stickoxide, Feinstaub und Treibhausgase, die bei der Lebensmittelerzeugung entstehen. Aber auch Schäden durch Bodenerosion, Überdüngung von natürlichen Lebensräumen, Lebensmittelabfälle, Antibiotikaresistenzen oder Lebensmittelimporte aus wasserarmen Gebieten gehören dazu (siehe nachfolgende Tabelle "Sichtbare und unsichtbare Lebensmittelkosten").

Diese Folgekosten stehen derzeit nicht auf dem Preisschild. Wir zahlen sie über Steuern, Abgaben, Krankenkassenbeiträge. Oder wir zahlen sie gar nicht, sondern verlagern sie auf die Natur, die Menschen im globalen Süden und auf nachfolgende Generationen. Heute schon können wir die Symptome dieses Zerstörungswerkes beobachten: Sie zeigen sich in Form von Insektensterben, Klimawandel, der Vernichtung von Tropenwäldern oder Korallenbänken (Steffens et al. 2015).

Abschätzungen der britischen True-Cost Studie

Übersicht: Sichtbare und unsichtbare Lebensmittelkosten (Großbritannien)

Millionen Euro*    
138,1   Reale Ausgaben für Lebensmittel in Haushalten und der Außer-Haus-Verpflegung
138,2   Versteckte Kosten von Lebensmittelproduktion und Konsum
Davon    
35,6   Verbrauch von Umweltressourcen
  16,36 Treibhausgase und Luftverschmutzung
  13,80 Lebensmittelabfälle im gesamten Produktionssystem
  3,69 Bodenabbau und Verlust von Kohlenstoff im Boden
  1,71 Belastung der Gewässer durch Landwirtschaft
14,7   Verlust der Artenvielfalt durch Intensivierung der Landwirtschaft
51,6   Ernährungsbedingte Gesundheitskosten
    Durch falsche Lebensmittelauswahl, Veränderung des Nährwertes und der Zusammensetzung von Lebensmitteln
  26,4 Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs und Karies
  19,5 Unterernährung
  4,6 Übergewicht und Adipositas
  1,3 Bluthochdruck
18,5   Produktionsbedingte Gesundheitskosten
  2,7 Lebensmittelbedingte Antibiotikaresistenz
  2,0 Lebensmittelvergiftungen und -infektionen
  13,8 Auswirkungen von phosphororganischen Pflanzenschutzmitteln
  0,1 Darmkrebs durch Nitrat im Trinkwasser
7,3   Landwirtschaftliche Subventionen
  3,9 Programme zur Förderung der ländlichen Entwicklung
  3,4 Subventionen
  0,1 Forschung im Bereich Biowissenschaften
10,6   Lebensmittelimporte
    Zum Beispiel Palmöl oder Obst und Gemüse aus wasserarmen Regionen
 

*Umrechnung von britischen Pfund in Euro, Mai 2018

Quelle: Fitzpatrick and Young (2017): https://sustainablefoodtrust.org/articles/hidden-cost-uk-food/

„Die Einführung einer wahren Kostenberechnung in der Landwirtschaftspolitik könnte Unternehmen helfen, fundierte Entscheidungen zu treffen, um die Wirkungen ihres Handelns zu bewerten und auch zu steuern.“, sagte Duncan Pollard, Nestlé, bei der Veröffentlichung des Berichtes „The Hidden Cost of UK Food“. Der so genannte "True Cost"-Ansatz kann noch keine zu 100 Prozent verlässlichen Zahlen liefern. Aber die Abschätzungen werden immer besser.

Das Forschungsfeld hat auch prominente Mitstreiter: Prinz Charles engagiert sich dafür, die niederländische Königin Maxima unterstützt es, Universitäten und Forschungseinrichtungen wie das Forschungsinstitut für biologischen Landbau FIBL beschäftigten sich damit sowie die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, FAO. Aber auch die vier großen Wirtschaftsprüfungsunternehmen Deloitte, Ernst & Young (EY), KPMG und PricewaterhouseCoopers. Sie haben festgestellt, dass eine Unternehmensbilanz nicht vollständig ist, wenn sie gesellschaftliche und ökologische Schäden ausblendet.

Welcher Apfel kostet mehr: Ein Bioapfel oder ein konventioneller?

eine Handvoll Äpfel

Einer der ersten Unternehmer, der eine Vollkostenrechnung für seinen Betrieb und einzelne Produkte vorgenommen hat, war der Niederländer Volkert Engelsmann. Der Großhändler von Bio-Obst und -Gemüse beauftragte die Agentur „Soil & More“ mit der Abschätzung. Zur Kostenermittlung wurde das international anerkannte „Nature Capital Protocol“ verwendet. Es erlaubt die Abschätzung von Kosten im Bereich KIima, Wasser, Boden und Biodiversität. Zusätzlich wurden Gesundheitskosten ermittelt.

Fazit: Jedes Kilo Bio-Äpfel, das Engelsmann aus Argentinien importiert, ist in der Gesamtrechnung 25 Cent günstiger als ein vergleichbares Kilo konventioneller Äpfel. Die Bio-Äpfel punkten vor allem durch Bodenaufbau. Dadurch entsteht ein volkswirtschaftlicher Nutzen. Bei konventionellen Äpfeln hingegen schlagen die Folgekosten durch die Pestizidanwendung und die Wassernutzung negativ zu Buche. Die Studie verdeutlichte: Bio-Anbau ist auch aus rein rechnerischen Gründen sinnvoll. „Wir müssen die Begriffe ‚Gewinn’und ‚Kosten’endlich neu definieren und ehrlich berechnen.“, sagte Engelsmann, als er Ende 2017 zu den 100 nachhaltigsten Niederländern gewählt wurde.

Eine frühere Studie stammt aus Ägypten. Im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums haben drei Institutionen eine Vollkostenschätzung für die wichtigsten ägyptischen Nutzpflanzen vorgenommen: das „Carbon Foodprint Center“, die „Heliopolis Universität für nachhaltige Entwicklung“ und der ägyptische Biopionier, die landwirtschaftliche Unternehmsgruppe SEKEM. Sie verglichen die Gesamtkosten von konventionell und biologisch angebautem Mais, Kartoffeln, Reis, Weizen und Baumwolle. In diese Rechnung flossen die regulären Produktionskosten ein, aber auch die Schäden am Klima, Boden und Wasser.

Das Ergebnis: Die ägyptischen Bio-Produkte sind zwar teurer in der Erzeugung, verursachen aber viel geringere gesellschaftliche Kosten.

 

Abschätzung der wahren Kosten SEKEM

 

In der Summe bedeutet Biolandbau eine Kostenreduktion. Die Ersparnis beläuft sich bei fast jeder Feldfrucht auf gut 230 Euro pro Hektar. Bei konventionellen ägyptischen Kartoffeln ist der Schaden sogar größer als der Gewinn. Das heißt: Wenn wir beim Einkauf auch die Umwelt- und Gesundheitsschäden bezahlen müssten, dann müsste sich der Preis mehr als verdoppeln.

Was ist das Problem, wenn die Preise zu niedrig sind?

Zwiebeln auf dem Feld
Ökolandbau schont die natürlichen Ressourcen und hat positive Auswirkungen auf die Umwelt

Wenn die wahren Kosten nicht auf dem Preisschild stehen, dann scheinen die Produkte günstiger, als sie eigentlich sind. Wir kaufen automatisch mehr davon. So kommt es, dass immer weiter die Lebensmittel produziert werden, die uns in Wahrheit teuer zu stehen kommen. Da hilft es auch nur begrenzt, dass es immer mehr Biolebensmittel in Deutschland gibt. Nach wie vor werden über 90 Prozent unserer Lebensmittel, die in den Supermärkten, Discountern oder Tankstellen liegen, konventionell hergestellt.

 „Aus volkswirtschaftlicher Sicht handelt es sich um eine erhebliche Preis- und Marktverzerrung“, erklärt der Augsburger Volkswirt Tobias Gaugler. Er und seine Kolleginnen und Kollegen haben in der Forschungsgruppe „Märkte für Menschen“ untersucht, welche gesellschaftlichen Folgekosten durch die Tierhaltung in Deutschland entstehen. Sie modellierten die gesellschaftlichen Schäden durch Antibiotikaresistenzen und Stickstoffdüngung. Allein die Nitratbelastung verursacht in Deutschland jedes Jahr Folgekosten von über 10 Milliarden Euro, fanden sie heraus. Auf die Lebensmittelpreise umgelegt, entspricht das einem Preisaufschlag von fast zehn Prozent für konventionelle tierische Lebensmittel. Für tierische Bioprodukte lägen die Mehrkosten bei vier Prozent. Diese Abschätzung berücksichtigt aber noch nicht die Folgekosten durch Bodenabbau, Regenwaldvernichtung, Verlust der Biodiversität und Klimabelastung. Bio-Lebensmittel wären vermutlich günstiger als konventionelle, wenn man alle Folgekosten der industriellen Landwirtschaft auf den Preis aufschlägt, vermuten die Wissenschaftler*innen (Gaugler und Michalke 2017). Auch für Österreich liegt seit 2013 ein Diskussionspapier vor: Es geht davon aus, dass die biologische Landwirtschaft gut ein Drittel geringere Folgekosten verursacht als die konventionelle (Schader et al. 2013).

Keine Billigschnitzel mehr auf Münchens Empfängen

Ciabatta-Häppchen

Das Gutachten der Universität Augsburg lieferte dem Aktionsbündnis „Artgerecht München“ eine wichtige Argumentationshilfe. Dieses Bündnis mit über 37.000 Unterstützer*innen engagiert sich für einen respektvollen Umgang mit Tieren im Wirkungskreis der Stadt München. Das Engagement zeigt erste Erfolge: Der Müncher Stadtrat beschloss im Jahr 2016, bei städtischen Empfängen nur noch Produkte aus artgerechter Tierhaltung anzubieten.

„Es mag so wirken, als ob wir die Lebensmittelproduzenten kritisieren. So sollte dieser Bericht aber nicht verstanden werden. Jeder kann mit seinem Finger auf den anderen zeigen, aber in Wahrheit sind wir alle schuldig. In vielerlei Hinsicht sind die Landwirte mehr Opfer als Bösewichte. Das zeigt sich daran, dass viele Produzenten in den vergangenen Jahren gezwungen waren, ihren Betrieb aufzugeben, weil die Preise unter den Produktionskosten liegen. Wenn man die wahren Kosten zur Entscheidungsfindung heranzieht, dann ist das der beste und möglicherweise der einzige Weg, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, der uns behindert.“

Patrick Holden, Sustainable Food Trust

Ernährungstransformation: Die Umgestaltung braucht alle Kräfte

Unser heutiges Ernährungssystem hat sich in über hundert Jahren entwickelt. Es wurde durch Technologisierung, Globalisierung und Arbeitsteilung geprägt. Es gibt daher keine Schuldigen, sondern viele Mitverantwortliche, meint Patrick Holden, Geschäftsführer des Sustainable Food Trust. Die Landwirtschaft allein kann diese Transformation nicht bewältigen. Dafür brauchen wir alle Kräfte, Politiker*innen genauso wie die Bürger*innen, die Landwirtschaft, den Handel, die Wirtschaft und auch die Bildung. Die Verfasserinnen und Verfasser der britischen "True Cost"-Studie geben daher Empfehlungen, die sich an alle gesellschaftlichen Akteure und Akteurinnen richten:

  • Vermeiden Sie, wann immer möglich, Lösungen für einzelne Probleme. Erkennen Sie den Wert von integrierten Ansätzen und der Berechnung der wahren Kosten bei der Suche nach den guten Lösungen.
  • Entwickeln Sie Kampagnen, die Wirtschaft und Politik ermutigen, die wahren Kosten der Lebensmittelproduktion sichtbar zu machen.
  • Auch Bürgerinnen und Bürger sollten von der Lebensmittelindustrie einfordern, dass sie die wahren Kosten transparent machen.
  • Die Politik sollte sich dafür einsetzen, dass Unternehmen, die Umweltschäden verursachen, benachteiligt werden und Ernährungssysteme, Praktiken und Produkte gefördert werden, die Vorteile für Umwelt und Gesellschaft schaffen.
  • Besondere Aufmerksamkeit sollte den schädlichsten Betriebsmitteln gelten. Das Gutachten empfiehlt zum Beispiel, den Einsatz von Stickstoffdüngern in der Landwirtschaft zu besteuern. Die Einnahmen sollten für humusfördernde Maßnahmen verwendet werden, mit denen CO2 im Boden gebunden wird.  

Diese Aufzählung macht deutlich: Es ist wichtig, dass wir unser Einkaufsverhalten ändern. Dass wir immer mehr Bio- und Regio-Produkte kaufen und weniger Verpackungsmüll produzieren. Nur das Einkaufsverhalten zu ändern, reicht aber nicht. Darauf weist Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) hin:

„Mit den derzeitigen Wachstumsraten können wir bis zum Jahr 2030 gut 20 Prozent Bio erreichen. Allerdings zeigen die immer schärfer zutage tretenden Probleme, dass wir uns dieses langsame Tempo eines Umbaus der Landwirtschaft nicht leisten können“.  

Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, BÖLW

Vogelkundler schätzen, dass wir heute schon mindestens 33 Prozent Ökolandbau und 15 Prozent extensive Grünlandnutzung bräuchten, um unseren Insekten und Singvögeln wieder ausreichend Nahrung zu bieten (Flade und Schwarz 2013). Um diesen Umschwung zu schaffen, müssen sich noch viel mehr Kantinen, Schulen, Geschäfte oder Märkte dafür einsetzen, dass Bio- und Regio-Produkte selbstverständlich sind.

Gemeinsam kann man mehr erreichen: Es gibt viele nachhaltige Ernährungsinitiativen, die dafür sorgen, dass eine regionale, nachhaltige Landwirtschaft und der Biolandbau schneller in Fahrt kommen, zum Beispiel Ökomodellregionen, Projekte der Solidarischen Landwirtschaft, Ernährungsräte oder das Netzwerk der Biostädte. Schauen Sie sich um in ihrer Region. Viele Anregungen finden Sie auch unserem Internetschwerpunkt Nachhaltiger Konsum.

"Es gab schon viele landwirtschaftliche Revolutionen in den letzten 10.000 Jahren der Menschheitsgeschichte. Wir könnten uns inmitten einer neuen befinden und es könnte die wichtigste sein."

Prof. Jules Pretty, University of Essex

Weitere Fragen

Können wir mit Bio die Welt ernähren?

Diese Frage ist fast so alt wie die Biobewegung selbst. Eine frühe Studie im Auftrag des Ökoinstituts Freiburg kam schon im Jahr 2000 zu dem Ergebnis, dass wir uns in Deutschland durchaus zu 100 % von Bio ernähren könnten, vorausgesetzt wir würden weniger tierische Lebensmittel essen. Unser Ernährungsverhalten müsste sich in etwa dem der Italiener anpassen. Die mediterane Ernährung gilt auf Grund ihrer hohen Vielfalt und des niedrigen Fleischanteils ohnehin als eine klimafreundliche Ernährungsweise (Sáez-Almendros 2013; Fresán 2018).

Ein Wissenschaftlerteam des Forschungsinstituts für biologischen Landbau FIBL unterstützte im vergangenen Jahr die ersten Abschätzungen des Ökoinstituts: Mit einem reduzierten Konsum von tierischen Lebensmitteln wäre die weltweite Umstellung auf biologischen Landbau möglich. Denn dann würden wir auch weniger wertvolle Agrarflächen für Futtermittel benötigen. Die zweite Bedingung wäre: Die Nahrungsmittelabfälle müssten reduziert werden (Müller et al. 2017).

Literatur und Links

Seemüller, M. (2000): Der Einfluss unterschiedlicher Landbewirtschaftssysteme auf die Ernährungssituation in Deutschland in Abhängigkeit des Konsumverhaltens der Verbraucher.
Ökoinstitut Freiburg https://www.oeko.de/oekodoc/76/2000-010-de.pdf

Sáez-Almendros S, Obrador B, Bach-Faig A, Serra-Majem L. (2013). Environmental foodprints of Mediterranean versus Western dietary patterns: beyond the health benefits of the Mediterranean diet. Environ Health. 12:118. doi: 10.1186/1476-069X-12-118.

Fresán U, Martínez-Gonzalez MA, Sabaté J, Bes-Rastrollo M. (2018). The Mediterranean diet, an environmentally friendly option: evidence from the Seguimiento Universidad de Navarra (SUN) cohort. Public Health Nutr. 21(8):1573-1582. doi: 10.1017/S1368980017003986.

Müller A, Schader C, El-Hage Scialabba N, Brüggemann J, Isensee A, Erb KH, Smith P, Klocke P, Leiber F, Stolze M, Niggli U. (2017) Strategies for feeding the world more sustainably with organic agriculture.
Nat Commun.8(1):1290. doi: 10.1038/s41467-017-01410-w.

Die Pressemitteilung zur letztgenannten Veröffentlichung finden Sie auf www.fibl.org. Dort gibt es die Studie auch als PDF zum Herunterladen: https://www.fibl.org/de/medien/medienarchiv/medienarchiv17/medienmitteilung17/article/neue-studie-belegt-bio-kann-einen-wichtigen-beitrag-zur-welternaehrung-leisten.html

Mehr produzieren und weniger Schaden anrichten – wie kann das gehen?  

Die Antwort auf Umweltzerstörung und Ressourcenverluste heißt nicht „zurück in die Steinzeit“. Es geht vielmehr um eine intelligente ökologische Intensivierung. Die Idee: Vielfältige kleinbäuerliche Betriebe können einen höheren sozialen und Umweltnutzen schaffen, als intensive, großflächige Monokulturen.

Bislang gibt es noch keine Langzeitstudien, die die Produktivität und die Umweltwirkungen von kleinbäuerlichen diversen Betrieben mit spezialisierten konventionellen Betrieben vergleichen. Es gibt aber Studien, die darauf hinweisen, dass die geschickte Nutzung von Wechselwirkungen dazu führen kann, mehr Nährstoffe pro Hektar zu erzeugen als mit herkömmlicher Landwirtschaft. Dies ist das Ergebnis eines Feldversuches, den die Biologin und Trägerin des alternativen Nobelpreises Vandana Shiva und ihr Kollege Vaibhaf Singh in drei indischen Bundesstaaten durchführten: Auf einem Hektar in biologischer Mischkultur konnten die Landwirt*innen ein Drittel mehr Kalorien und doppelt so viel Eiweiß produzieren als auf einem Hektar mit konventioneller Monokultur (siehe Tabelle unten).

„Viele Kosten werden stillschweigend in Kauf genommen, weil man glaubt, sie seien durch die höhere Produktivität der industriellen Landwirtschaft zu rechtfertigen. Das ist allerdings ein Irrglaube.“, schlussfolgern die Autor*innen. Tatsächlich sind es in den meisten Ländern der Erde nach wie vor die kleinbäuerlichen Familienbetriebe, die auf wenig Fläche den meisten Ertrag erwirtschaften, weil sie diese Fläche intensiver bewirtschaften. So stellte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO in ihrem Jahresbericht 2014 fest.

„Mehr als 500 Millionen Familienbetriebe managen den Großteil der landwirtschaftlichen Fläche weltweit und produzieren auch die meisten Lebensmittel weltweit. Wir brauchen diese Familienbetriebe, um die globale Lebensmittelversorgung zu sichern, unsere Umwelt zu pflegen und zu schützen und Armut, Unter- und Mangelernährung zu beenden (FAO 2014).“

Durchschnittlich pro Hektar produzierte Nährstoffe in Sikkim, Rajasthan und Uttarakhand (Indien)

Nährstoff In organischem Mischanbau pro Hektar Anbaufläche produzierte Menge In konventioneller Monokultur pro Hektar Anbaufläche produzierte Menge
Protein 240 Kilogramm 116 Kilogramm
Kohlenhydrate 833 Kilogramm 785 Kilogramm
Fett 66 Kilogramm 23 Kilogramm
Karotin 2.912 Milligramm 745 Milligramm
Thiamin (Vitamin B1) 6.550 Milligramm 3.911 Milligramm
Riboflavin 3.179 Milligramm 1.685 Milligramm
Niacin 31.443 Milligramm 28.381 Milligramm
Vitamin B6 821 Milligramm 475 Milligramm
Folsäure 878 Milligramm 328 Milligramm
Vitamin C 24.145 Milligramm 36.833 Milligramm
Cholin 680.675 Milligramm 537.527 Gramm
Calcium 2.166 Gramm 731 Gramm
Eisen 82 Gramm 43 Gramm
Phosphor 5.158 Gramm 3.117 Gramm
Magnesium 1.866 Gramm 1.496 Gramm
Natrium 197 Gramm 158 Gramm
Kalium 6.076 Gramm 3.465 Gramm
Chlor 323 Gramm 320 Gramm
Kupfer 12.591 Milligramm 6.101 Milligramm
Mangan 25.124 Milligramm 15.629 Milligramm
Molybdän 3.694 Milligramm 1.077 Milligramm
Zink 43.977 Milligramm 26.769 Milligramm
Chrom 345 Milligramm 157 Milligramm
Sulfur 1,64 Kilogramm 1,30 Kilogramm
Kalorien gesamt 4.914.870 Kilokalorien 3.711.475 Kilokalorien

Shiva V., Singh Vaibhav, 2018. Die wahren Kosten der industriellen Landwirtschaft. In. Engelsman, V., Geier, B. (Hrsg). Die Preise lügen. Oekom, S. 31.

Mit freundlicher Genehmigung des Ökomverlages: https://www.oekom.de/nc/buecher/gesamtprogramm/buch/die-preise-luegen.html

Links:

Website der FAO zur Agrarökologie http://www.fao.org/agroecology/overview/en/

FAO (2014): State of the Food and Agriculture: http://www.fao.org/publications/sofa/2014/en/

Ist es nicht schon zu spät zum Umsteuern?

Ob wir die Umweltschäden wieder gutmachen können, die wir mit unserem Ernährungssystem verursacht haben, ist noch nicht absehbar. Es wird davon abhängen, ob sich Menschen auf allen Ebenen dafür einsetzen, gleich ob in Organisationen, Familien, Unternehmen oder in der Politik. Die gute Nachricht ist: In den letzten Jahrzehnten haben sich mehr und mehr übergreifende Aktionsgruppen und Netzwerke gebildet. Eine davon ist die "4 per 1000"-Initiative für Ernährungssicherung und Klima. Sie entstand im Rahmen des Lima-Paris-Aktionsplans und wird getragen von Interessensvertretern aus der Wirtschaft, Regierungen, privaten Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen und Forschungseinrichtungen.

Ihre Motivation: Wenn wir die organische Substanz (Humus) im Boden um nur 0,4 % pro Jahr steigern, dann könnte dies die Zunahme von CO2 in der Atmosphäre sogar stoppen. Die Verbesserung des Humusgehaltes unserer Böden könnte nicht nur das Klima stabilisieren, sondern auch die landwirtschaftliche Produktivität und die Widerstandskraft bei extremen Wetterereignissen verbessern.

Wie könnte das gehen? Die Initiative empfiehlt: Stoppt die Entwaldung und unterstützt nachhaltige, ökologische oder regenerative Anbaupraktiken, die den Anteil an organischer Masse im Boden steigern, zum Beispiel Gründüngung, Ausbringung von Kompost und Aufbau von Agroforstsystemen.

Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) unterstützt das Exekutivsekretariat der Initiative zusammen mit Frankreichs und Spaniens Landwirtschaftsministerien. Mehr Informationen zur Initiative gibt es auf www.4p1000.org.

Literatur

Sanderman J, Hengl T, Fiske GJ (2017). Soil carbon debt of 12,000 years of human land use.  PNAS 114 (36) 9575-9580; doi: 10.1073/pnas.1706103114

Welche Institutionen engagieren sich noch für die Berechnung der wahren Kosten?

The Economics of Ecosystems and Biodiversity (TEEB) for Agriculture & Food

TEEB ist ein Programm der Vereinten Nationen, das Wissenschaftler, Ökonomen, Politiker, Wirtschaftsvertreter und landwirtschaftliche Organisationen zusammen bringt. Das gemeinsame Ziel: Eine vollständige Untersuchung unserer Agrarsysteme und die Entwicklung von Szenarien für eine Transformation zur nachhaltigen Landwirtschaft.

teebweb.org

UK True Cost Accounting Working Group

Diese Arbeitsgruppe aus 25 verschiedenen Organisationen wurde vom Sustainable Food Trust gegründet. Sie arbeitet daran, die versteckten Kosten des Landwirtschaftssystems sichtbar zu machen.

sustainablefoodtrust.org

Global Alliance for the Future of Food (GAFF)

GAFF ist eine Stiftung, die Know-how und Ressourcen zusammenzieht sowie Rahmenbedingungen und Strategien entwickelt für die Transformation zu einem globalen, nachhaltigen Ernährungs- und Landwirtschaftssystem. 

futureoffood.org

Compassion in World Farming (CiWF)

Die CIWF wurde 1967 von einem britischen Landwirt gegründet. Die Organisation setzt sich unter anderem für eine Lebensmittelsteuer ein, in Höhe der negativen versteckten Kosten. Diese Einnahmen sollen Betrieben zugutekommen, die positive Effekte für die Gesellschaft hervorbringen.

www.ciwf.org.uk

International Panel of Experts on Sustainable Food Systems (IPES)

IPES setzte sich dafür ein, Experten aus unterschiedlichsten Fachgebieten zusammenzubringen, um die Politik darüber zu informieren, wie das Ernährungssystem weltweit reformiert werden kann. IPES hat im Jahr 2016 einen Bericht veröffentlicht mit dem Titel „Ein Paradigmenwandel von industrieller Landwirtschaft zu diversifizierten agrarökologischen Systemen (A paradigm shift from industrial agriculture to diversified agroecological systems)“.

www.ipes-food.org

Nature & More (Eosta)

Nature & More ist Transparenzsystem und Handelsmarke für Bio-Obst und -Gemüse des internationalen Unternehmens Eosta B.V. mit Hauptsitz in den Niederlanden. Im Rahmen der Kampagne "Was unser Essen wirklich kostet" hat Nature & More / Eosta mit Partnern eine Methode zur Vollkostenrechnung entwickelt. Mit dem Modell der "True Cost"-Blume, die bisher für neun Lebensmittel erarbeitet wurde, macht das Unternehmen die wahren Kosten der Lebensmittelerzeugung für Verbraucher sichtbar. 

Mehr über den Ansatz von Nature & More lesen Sie in unserem Artikel Die "True Cost"-Blume

International Federation of Organic Agriculture Movements (IFOAM)

IFOAM wurde 1972 als internationale Dachorganisation für den ökologischen Landbau gegründet. Gemeinsam mit dem Sustainable Organic Agriculture Action Network (SOAAN) setzt sich IFOAM dafür ein, wissenschaftliche Daten zur "True Cost"-Debatte zusammenzutragen und zu verbreiten.

www.ifoam.bio

Trucost

Trucost ist ein Unternehmen, das seit dem Jahr 2000 für Unternehmen, Organisationen, Kommunen und Regierungen Kostenabschätzungen von versteckten, ausgelagerten Kosten durchführt. Dazu gehört unter anderem die Studie „Natural Capital Impacts in Agriculture“, die für die Vereinten Nationen angefertigt wurde. 

www.trucost.com

True Price

Auch True Price ist ein Sozialunternehmen. Es unterstützt Organisationen dabei, die wahren Preise für ihre Produkte zu berechnen.

trueprice.org


 

Literaturquellen

Fitzpatrick J, Young R., Perry M, Rose E. (2017). The hidden cost of UK Food. The sustainable Food Trust, London http://sustainablefoodtrust.org/articles/hidden-cost-uk-food/

Informationen über das Nature Capital Protocol zu Abschätzung wahrer Kosten https://naturalcapitalcoalition.org/protocol/protocol-application-program/

True Cost Analyse des niederländischen Unternehmens EOSTA: Nature&More, EOSTA, Soil and More, EY, Triodos Bank, Hivos (2017). True Cost Accounting for Food, Farming and Finance. https://www.natureandmore.com/en/sustainability-flower

Zusammenfassung der True Cost Studie für die fünf wichtigsten Nutzpflanzen in Ägypten https://www.sekem.com/de/bio-landwirtschaft-lohnt-sich-vergleichsstudie-uber-die-tatsachlichen-kosten-von-biologischer-und-konventioneller-lebensmittelproduktion/

Gaugler T, Michalke A (2017): Was kosten uns Lebensmittel wirklich? Ansätze zur Internalisierung externer Effekte der Landwirtschaft am Beispiel Stickstoff. GAIA 26 (2): 156 –157 doi: 10.14512/gaia.26.2.2 Zusammenfassung der Augsburger Studie  https://www.tollwood.de/presse/pressekonferenz-15-09-2016/

Schader C, Petrasek R, Lindenthal T, Weisshaidinger R, Müller W, Müller A, Niggli U und Stolze M (2013). Volkswirtschaftlicher Nutzen der Bio-Landwirtschaft für Österreich. Beitrag der biologischen Landwirtschaft zur Reduktion der externen Kosten der Landwirtschaft Österreichs. FiBL Schweiz / Suisse, 26. November 2013, Frick, Wien https://www.fibl.org/de/oesterreich/schwerpunkte-at/nachhaltigkeitsanalyse/projekte/entwicklung-thesenpapier.html

Flade M, Schwarz J. (2013). Bestandsentwicklung von Vogelarten der Agrarlandschaft in Deutschland 1991-2010 und Schlüsselfaktoren.  Tagungsband: Fachgespräch „Agrarvögel – ökologische Bewertungsgrundlage für Biodiversitätsziele in Ackerbaugebieten“ Nr. 442 https://ojs.openagrar.de/index.php/JKA/article/view/2760

Steffen W, Richardson K, Rockström J, Cornell SE, Fetzer I, Bennett EM, Biggs R, Carpenter SR, de Vries W, de Wit CA, Folke C, Gerten D, Heinke J, Mace GM, Persson LM, Ramanathan V, Reyers B, Sörlin S. Sustainability. Planetary boundaries: guiding human development on a changing planet. Science.347(6223):1259855. doi: 10.1126/science.1259855. http://science.sciencemag.org/content/347/6223/1259855.full

Klimagutachten des wissenschaftlichen Beirates für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz des Bundesernährungsminsteriums: http://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Ministerium/Beiraete/Agrarpolitik/Klimaschutzgutachten_2016.pdf?__blob=publicationFile

Europäisches Stickstoffgutachten – European Nitrogen Assessment: http://www.nine-esf.org/index.html

Peer review Verfahren der deutschen Nachhaltigkeitspolitik https://www.nachhaltigkeitsrat.de/projekte/peer-review/

Autorin: Gesa Maschkowski, BLE

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