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Esskultur als „sicherer Hafen“ im Wandel

Aus der eigenen Familie und Heimat vertraute Speisen können Sicherheit vermitteln und Stress abbauen.

Falafel in Fladenbrot
Judith Pulg | Fotografie

(BZfE) – Ob beim deutschen Touristen im Ausland oder bei Migranten der ersten, zweiten oder dritten Generation – bestimmte, aus der eigenen Familie und Heimat vertraute Speisen können Sicherheit vermitteln und Stress abbauen. Denn Essen und Trinken sind nicht nur menschliche Grundbedürfnisse, sondern erfüllen auch soziale Funktionen, schaffen Identität und sind wichtiger Bestandteil der Kultur, in der wir aufwachsen.

So prägen seit den 1960er-Jahren nicht von ungefähr „italienische“ Eisdielen, „türkische“ Dönerimbisse und „griechische“ Tavernen als Folge der Zuwanderung der damals als Gastarbeiter bezeichneten ausländischen Arbeitskräfte das Bild deutscher Städte mit. Was für die Deutschen eine Erweiterung der kulinarischen Landschaft bedeutete, bot den Zugewanderten Orientierung und weckte Erinnerungen an Situationen, in denen sie sich als handlungsfähig, kompetent und respektiert wahrgenommen haben. Solche Erinnerungen sind wertvolle Ressourcen, um Gefühle und Probleme zu bewältigen, die mit der Zuwanderung einhergehen können. Das erleichtert wiederum die Integration und das Zusammenleben zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen.

Die emotionale Bedeutung von Lebensmitteln betrifft aber nicht nur Auswandernde, die für einen längeren Zeitraum ihren Lebensmittelpunkt verlagern, sondern spiegelt sich auch im Ernährungsverhalten mobiler Personen wider. Etwa wenn dem Bayern, der aus beruflichen Gründen nach Norddeutschland gezogen ist, die Butterbrezen fehlt oder ein deutscher Tourist im Spanienurlaub nicht auf „sein“ Schnitzel und deutsches Bier verzichten möchte. Gleichzeitig sind kulturell bedingte Vorlieben von Lebensmitteln nicht für alle Zeiten festgelegt, sondern verändern sich. So zeigte eine Untersuchung an „Russlanddeutschen“, dass in der zweiten und dritten Generation vor allem Frauen und Mütter die gewohnten Ernährungsgewohnheiten aus der ehemaligen Sowjetunion verwarfen und durch in Deutschland übliche und als gesund bewertete Speisen ersetzten. Männer dagegen zeigten sich in ihrem Verhalten kulturell beharrender.

Insgesamt orientieren sich Lebensstile und Esskulturen immer weniger an Ländergrenzen, sondern werden über Massenmedien, Mobilität und Migration global verteilt. So entstehen neue Gemeinschaften, die sich von Gruppen mit anderen Lebensstilen abgrenzen.

Ruth Rösch, www.bzfe.de

Weitere Informationen:

Ernährung und Gesundheit im Kontext von Migration beschreibt der gleichnamige Artikel in der kürzlich erschienenen Ausgabe 3-2019 von „Ernährung im Fokus“ ausführlich.

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