Springe direkt zum Inhalt , zum Menü .

"True Cost"-Blume

Die Nachhaltigkeitsblume als Grundlage für ein anschauliches Modell, das versteckte Kosten bei der Lebensmittelproduktion für Verbraucher sichtbar macht.

Pflanze auf einem Haufen Münzen
Franz Pfluegl / stock.adobe.com

Bei der Erzeugung von Lebensmitteln fallen Kosten an, die durch Auswirkungen auf die Umwelt und den Menschen entstehen. Verliert zum Beispiel der Ackerboden durch intensive Landwirtschaft seine Fähigkeit, Wasser und CO2 zu binden, so werden starke Hochwasserereignisse und die Klimaerwärmung gefördert. Die Folgen des umweltschädlichen Verhaltens zahlt aber nicht der Landwirt, der den Boden übernutzt, sondern die gesamte Gesellschaft.

Rechnet man diese versteckten Kosten nun zu den normalen Produktionskosten von Lebensmitteln hinzu, ergeben sich deren „wahre Kosten“. Und aus dieser Perspektive wird schnell klar: Vermeintlich billiges Obst und Gemüse aus konventionellem Anbau ist wegen der negativen Auswirkungen auf Boden, Klima und Artenvielfalt in Wahrheit teurer als ökologisch erzeugtes. Bis sich dies ganz selbstverständlich in den Produktpreisen widerspiegeln wird, ist es wahrscheinlich noch ein langer Weg. Ein Versuch, die versteckten Kosten für Verbraucher zumindest sichtbar zu machen, ist die „True Cost“-Blume der Bio-Handelsmarke „Nature & More“.

Das Problem der versteckten Kosten ist seit Jahren bekannt. In einem Pilotprojekt wurden die wahren Kosten für bestimmte Bio-Produkte kalkuliert und dann mit ihren konventionell hergestellten Pendants verglichen. Um diese Zahlen klar zu kommunizieren, wurde das Modell der „True Cost-Blume“ entwickelt.

Die sechs Nachhaltigkeitsbereiche und ihre Kosten

Die Nachhaltigkeitsblume

Für jedes Blütenblatt der Nachhaltigkeitsblume lassen sich positive und negative Auswirkungen der Lebensmittelproduktion beschreiben und als Kosten ausdrücken. „Nature & More“ lässt zum Beispiel folgende Faktoren in seine Bewertungen einfließen:

Der größte Kostenfaktor im Bereich Klima sind die Treibhausgasemissionen. Bei intensiver Bodenbearbeitung oder Rodung wird CO2 frei und gelangt in die Atmosphäre. Wird durch schonende Bodenbearbeitung im ökologischen Landbau mehr Humus auf- als abgebaut, kann der Boden das CO2 binden. Und durch den Verzicht auf energieaufwendig hergestellte Stickstoffdünger spart die ökologische Landwirtschaft weiteres CO2 ein, sodass sie in diesem Bereich Erlöse erwirtschaftet.

Auch Überdüngung und Überweidung verursachen Kosten, weil wertvoller Boden verloren geht. Bio-Landwirte schützen den Boden durch ihre Anbauverfahren und erwirtschaften damit ein Plus für die Umwelt.  

Nitrat- oder Pestizid-Rückstände aus der industriellen Landwirtschaft sind eine Belastung für die Gewässer. Die Reinigung von Grundwasser und die Trinkwasseraufbereitung führen zu hohen Kosten im Bereich Wasser. Wasserknappheit führt außerdem zu wirtschaftlichen Einbußen und den Verlust von Lebensraum. Die biologische Landwirtschaft punktet hier durch einen insgesamt niedrigeren Wasserverbrauch und durch eine geringere Abwasserbelastung.

Chemische Dünge- und Pflanzenschutzmittel in der konventionellen Landwirtschaft verursachen immense Kosten, weil sie für den Rückgang der Artenvielfalt mitverantwortlich sind. Die Konsequenz: Es gibt weniger bestäubende Insekten. Pflanzen werden anfälliger gegenüber Schädlingen, weil natürliche Fressfeinde fehlen. In der biologischen Landwirtschaft sorgen verschiedene Maßnahmen für den Erhalt der Biodiversität. Auch dieser Nutzen lässt sich berechnen.  

Zu den Kosten im Bereich Soziales zählt vor allem der Verlust an Lebensraum, beispielsweise verursacht durch Bodenerosion oder Wasserverschmutzung. Auch soziale Konflikte um Rohstoffe spielen eine immer größere Rolle. 

Kosten im Bereich Gesundheit entstehen nach Angaben von „Nature & More“ zum einen durch Folgen des Einsatzes von Dünge- oder Pflanzenschutzmitteln bei Arbeitern oder Anwohnern, andererseits aber auch für die Behandlung ernährungsbedingter Krankheiten wie Unter- und Übergewicht.

Die Nachhaltigkeitsblume als Modell

Das grafische Modell der „True Cost“-Blume ist eine Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsblume um ökologische und soziale Auswirkungen der Erzeugung der eigenen Produkte nachzuverfolgen und zu kommunizieren. Entwickelt wurde die Blume von einer internationalen Gruppe von Bio-Pionieren, die sich zur „International Association and Partnership for Ecology and Trade“ (IAP) zusammengeschlossen haben, darunter neben Eosta auch die Unternehmen Sekem, Alnatura, Lebensbaum und Rapunzel sowie das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) und die Internationale Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (IFOAM).

Für die Entwicklung der Nachhaltigkeitsblume legten die IAP-Mitglieder Leistungsindikatoren fest, die auf international anerkannten Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung beruhen. So entstand das Modell mit sechs Blütenblättern, die jeweils für einen der Nachhaltigkeitsbereiche Klima, Wasser, Boden, Artenvielfalt, Soziales und Gesundheit stehen.

Das Modell der Nachhaltigkeitsblume bildet einen Prozess ab, der sich ständig in der Weiterentwicklung befindet: Derzeit wird die Nachhaltigkeitsblume überarbeitet. In Zukunft wird es ein Blütenblatt mehr geben, für den Bereich Wirtschaft. Gesundheit und Soziales werden dann in Individuum und Gesellschaft umbenannt. Somit wird das Modell noch umfassender.

Wahre Vollkostenrechnung

Als Basis für die Berechnungen zur „True Cost“-Blume diente das „Full Cost Accounting Project“ der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Mit dem Projektbericht „Food wastage footprint: full cost accounting" (dt.: Fußabdruck der Lebensmittelverschwendung: Vollkostenrechnung) hatte die FAO im Jahr 2014 ein Modell präsentiert, mit dem jede Organisation und jedes Unternehmen die versteckten Kosten für ein Produkt berechnen kann. Voraussetzung ist, dass der CO2- und Wasser-Fußabdruck sowie Werte für die Bodenerosion bekannt sind.

Dieses Modell entwickelte „Nature & More“ im Rahmen der Studie „True Cost Accounting for Food, Farm and Finance“ gemeinsam mit den Wirtschaftsprüfern Ernst & Young (EY) und den Nachhaltigkeitsberatern von „Soil & More“ weiter. Die Internationale Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (IFOAM), die FAO und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie weitere Institutionen und Einzelwissenschaftler waren an dem Projekt beteiligt. Die Ergebnisse der Studie wurden im Juni 2017 veröffentlicht. Derzeit können die versteckten Kosten für neun „Nature & More“-Produkte in Form der „True Cost“-Blume dargestellt werden.

So rechnet das Modell - Das Beispiel "Birne"

Bei der konventionellen Erzeugung von Birnen entstehen Kosten von 1.163 Euro pro Hektar und Jahr, die durch die negativen Auswirkungen auf die Bodenqualität verursacht werden. Die ökologische Produktion hat dagegen positive Auswirkungen auf den Boden, die mit 254 Euro beziffert werden können. Somit bringt die Bio-Birne der Gesellschaft einen Kostenvorteil von insgesamt 1.317 Euro gegenüber der vermeintlich günstigen Birne aus konventionellem Anbau – und dies allein im Nachhaltigkeitsbereich Boden.

Autorin: Melanie Kirk-Mechtel, Bonn

als hilfreich bewerten 0 Versenden
Wasserfall und Wald
Foto-Jagla.de / Fotolia.com
Nachhaltiger Konsum

Nachhaltige Ernährung

Warum eigentlich?

"Die Fortschritte im Gesundheitsbereich haben einen hohen Preis. Sie zerstören unsere Umwelt in einem Ausmaß, das es noch nie zuvor gegeben hat."

mehr...
Nachhaltiger Konsum

Bio-Lebensmittel

Lebensmittel aus ökologischer Erzeugung

Bio-Möhren im Boden
Subbotina Anna / Fotolia.com

Die ökologische Landwirtschaft setzt auf den Gleichklang von Boden, Tieren und Pflanzen. Hier finden Sie Hintergründe und Einkaufstipps für Bio-Lebensmittel.

mehr...
Einkauf

Ernährung und Klimaschutz

Klima schützen im Alltag

Fahrradkorb mit Lebensmitteln
Lucky Dragon / Fotolia.com

Was wir essen, wo und wie wir Lebensmittel einkaufen, lagern und zubereiten, das alles hat Einfluss auf die Umwelt. Wir zeigen Ihnen, wie Sie mit 7 einfachen Alltags-Tipps das Klima schützen.

mehr...