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Die Nachhaltigkeitsblume ist ein anschauliches Modell, das versteckte Kosten der Lebensmittelproduktion für Verbraucher*innen sichtbar macht.

Pflanze auf einem Haufen Münzen
Franz Pfluegl / stock.adobe.com
  • Bei der Erzeugung von Lebensmitteln werden Kosten – sogenannte versteckte oder wahre Kosten – verursacht, die durch Schäden an der Umwelt und an der Gesundheit des Menschen entstehen.
  • „True Cost Accounting“ ist eine Methode, um die wahren Kosten zu berechnen.
  • Um diese klar zu kommunizieren, haben Bio-Pioniere das Modell der Nachhaltigkeitsblume entwickelt.

Bei der Erzeugung von Lebensmitteln fallen Kosten an, die durch Auswirkungen auf die Umwelt und den Menschen entstehen. Verliert zum Beispiel der Ackerboden durch intensive Landwirtschaft seine Fähigkeit, Wasser und CO2 zu binden, so werden starke Hochwasserereignisse und die Klimaerwärmung gefördert. Die Folgen des umweltschädlichen Verhaltens zahlt aber nicht der Landwirt, der den Boden übernutzt, sondern die gesamte Gesellschaft.

Rechnet man diese versteckten Kosten nun zu den normalen Produktionskosten von Lebensmitteln hinzu, ergeben sich deren „wahre Kosten“. Und aus dieser Perspektive wird schnell klar: Vermeintlich billiges Obst und Gemüse aus konventionellem Anbau ist wegen der negativen Auswirkungen auf Boden, Klima und Artenvielfalt in Wahrheit teurer als ökologisch erzeugtes. Bis sich dies ganz selbstverständlich in den Produktpreisen widerspiegeln wird, ist es wahrscheinlich noch ein langer Weg.

Ein Versuch, die versteckten Kosten für Verbraucher*innen sichtbar zu machen, ist die Nachhaltigkeitsblume. Dieses grafische Modell wurde im Jahr 2009 von einer internationalen Gruppe von Pionieren der Bio-Bewegung entwickelt, darunter Unternehmen wie Alnatura, Lebensbaum, Rapunzel und SEKEM sowie z. B. das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), die Internationale Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (IFOAM) und die Beratungsfirma Soil & More Impacts. Das Ziel ist es, die Bewertung ökologischer und sozialer Nachhaltigkeitsaspekte von Produkten in einem aufmerksamkeitsstarken, plakativen Modell zu vereinen.

Verantwortlich für die ständige Weiterentwicklung ist die Soil & More Foundation, die seit dem Jahr 2012 die Rechte an dem Modell innehat. Ein Unternehmen, das die Nachhaltigkeitsblume ebenfalls mitentwickelt hat und seine Produkte damit auszeichnet, ist der niederländische Bio-Großhändler für Obst und Gemüse Eosta mit seiner Handelsmarke „Nature & More“.

Die sieben Nachhaltigkeitsbereiche und ihre Kosten

Eosta verwendet eine eigene Darstellung der Nachhaltigkeitsblume, um das Engagement seiner Erzeuger in verschiedenen Nachhaltigkeitsbereichen zu messen und auf seiner Website sowie auf Werbematerialien zu visualisieren. Dabei steht jedes Blütenblatt für einen bestimmten Aspekt der Nachhaltigkeit. Für jeden einzelnen davon lassen sich positive und negative Auswirkungen der Lebensmittelproduktion beschreiben und als Kosten ausdrücken:

Der größte Kostenfaktor im Bereich Klima sind die Treibhausgasemissionen. Bei intensiver Bodenbearbeitung oder Rodung wird CO2 frei und gelangt in die Atmosphäre. Wird durch schonende Bodenbearbeitung im ökologischen Landbau mehr Humus auf- als abgebaut, kann der Boden das CO2 binden. Und durch den Verzicht auf energieaufwendig hergestellte Stickstoffdünger spart die ökologische Landwirtschaft weiteres CO2 ein, sodass sie in diesem Bereich Erlöse erwirtschaftet. Außerdem spielen in diesem Bereich der Energieverbrauch und Energiequellen, der Transport, der Einsatz erneuerbarer Energien sowie das Energiemanagement eine Rolle.

Unser Boden hat eine Schlüsselrolle in der Landwirtschaft und bildet wortwörtlich die Grundlage des Ernährungssystems. Überdüngung und Überweidung verursachen Kosten, weil wertvoller Boden verloren geht. Bio-Landwirte schützen den Ackerboden durch ihre Anbauverfahren und erwirtschaften damit ein Plus für die Umwelt.  

Nitrat- oder Pestizid-Rückstände aus der industriellen Landwirtschaft sind eine Belastung für die Gewässer. Die Reinigung von Grundwasser und die Trinkwasseraufbereitung führen zu hohen Kosten im Bereich Wasser. Wasserknappheit führt außerdem zu wirtschaftlichen Einbußen und zum Verlust von Lebensraum. Die biologische Landwirtschaft punktet hier durch einen insgesamt niedrigeren Wasserverbrauch und durch eine geringere Abwasserbelastung.

Chemische Dünge- und Pflanzenschutzmittel in der konventionellen Landwirtschaft verursachen immense Kosten, weil sie für den Rückgang der Artenvielfalt mitverantwortlich sind. Die Konsequenz: Es gibt weniger bestäubende Insekten. Pflanzen werden anfälliger gegenüber Schädlingen, weil natürliche Fressfeinde fehlen. In der biologischen Landwirtschaft sorgen verschiedene Maßnahmen für den Erhalt der Biodiversität. Auch dieser Nutzen lässt sich berechnen.  

Im Bereich Soziales werden die Aspekte Individuum, Gesellschaft und Wirtschaft bewertet. Beim Individuum geht es um das Wohlbefinden jedes einzelnen Menschen. Im Unternehmensumfeld bedeutet das, dass jede*r Mitarbeiter*in gesund und sicher ist und sich optimal entwickeln kann. Das Blütenblatt Gesellschaft steht für die Auswirkungen, die eine Organisation auf verschiedene Interessengruppen und Akteure hat. Dazu gehören Mitarbeiterbeziehungen, Partnerschaften, Kontakte zu anderen Unternehmen, Verbindungen mit der Lokalpolitik und der Gemeinschaft vor Ort.

Wirtschaft: Das siebte Blütenblatt der Nachhaltigkeitsblume rückt das verantwortungsvolle unternehmerische Handeln in den Blickpunkt. Hier geht es darum, alle wirtschaftlichen Aktivitäten so zu gestalten, dass sie fair und nachhaltig sind, sodass langfristig sowohl die Menschen als auch der Planet davon profitieren. Ein zentraler Punkt ist eine Neudefinition von Gewinn: Er soll nicht nur die Rendite berücksichtigen, sondern auch Auswirkungen auf Mensch und Umwelt einbeziehen.

Wahre Vollkostenrechnung

Als Basis für die Berechnungen zur „True Cost“-Blume diente das „Full Cost Accounting Project“ der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Mit dem Projektbericht „Food wastage footprint: full cost accounting" (dt.: Fußabdruck der Lebensmittelverschwendung: Vollkostenrechnung) hatte die FAO im Jahr 2014 ein Modell präsentiert, mit dem jede Organisation und jedes Unternehmen die versteckten Kosten für ein Produkt berechnen kann. Voraussetzung ist, dass der CO2- und Wasser-Fußabdruck sowie Werte für die Bodenerosion bekannt sind.

Dieses Modell entwickelte „Nature & More“ im Rahmen der Studie „True Cost Accounting for Food, Farm and Finance“ gemeinsam mit den Wirtschaftsprüfern Ernst & Young (EY) und den Nachhaltigkeitsberatern von „Soil & More“ weiter. Die Internationale Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (IFOAM), die FAO und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie weitere Institutionen und Einzelwissenschaftler waren an dem Projekt beteiligt. Die Ergebnisse der Studie wurden im Juni 2017 veröffentlicht. Derzeit können die versteckten Kosten für neun „Nature & More“-Produkte in Form der „True Cost“-Blume dargestellt werden.

Berechnung der wahren Kosten – Das Beispiel "Birne"

Bei der konventionellen Erzeugung von Birnen entstehen Kosten von 1.163 Euro pro Hektar und Jahr, die durch die negativen Auswirkungen auf die Bodenqualität verursacht werden. Die ökologische Produktion hat dagegen positive Auswirkungen auf den Boden, die mit 254 Euro beziffert werden können. Somit bringt die Bio-Birne der Gesellschaft einen Kostenvorteil von insgesamt 1.317 Euro gegenüber der vermeintlich günstigen Birne aus konventionellem Anbau – und dies allein im Nachhaltigkeitsbereich Boden.

Auf der ganzen Welt gibt es Initiativen, um die gesellschaftlichen Kosten unserer heutigen Wirtschaftsweise abzuschätzen. Mittlerweile haben auch verschiedene andere Unternehmen Kampagnen gestartet, um die versteckten Kosten der Lebensmittelproduktion sichtbar zu machen und damit Kund*innen Orientierung für nachhaltigeren Konsum zu geben.

Weitere Informationen dazu finden Sie in unserem Artikel True Cost – Wahre Kosten


Autorin: Melanie Kirk-Mechtel, Bonn

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