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Tabuwörter in der Ernährungsbildung

Gibt es eine richtige und eine falsche Ernährung? Und was ist eigentlich gesund? Warum bestimmte Begriffe ausgedient haben, wenn wir übers Essen und Trinken reden.

Kind mit Megafon
Sergey Nivens / Adobe Stock

„Heute sprechen wir über gesunde Ernährung!“

Ob in der Familie, der Schule oder den Medien, wenn wir über Ernährung sprechen, dauert es in der Regel nicht lang und wir benutzen die Worte "gesund", "ungesund" oder geben Empfehlungen für eine "gesunde Ernährung". Aber wie sieht eine gesunde Ernährung pauschal aus und wie fühlt sich "gesund" oder "ungesund" für jeden einzelnen an? Kinder und Jugendliche lernen sehr schnell, was Erwachsene von ihnen hören möchten, wenn es um die Themen Gesundheit oder Ernährung geht. Aber spiegelt das auch ihre eigene Meinung bzw. ihren eigenen Geschmack wider? Manchmal stoßen diese Begriffe bei Kindern und Jugendlichen sogar auf Ablehnung („Was gesund ist, schmeckt nicht!“) oder sie wecken einen extremen Ehrgeiz („Ich soll/will mich gesund ernähren“).

Bildungsexperten raten dazu, Begriffe wie "gesund", "ungesund" oder "gesunde Ernährung" im alltäglichen Umgang zu vermeiden, denn sie stehen einer modernen genussorientierten Ernährungsbildung im Wege. Bei gefährdeten Zielgruppen stehen sie sogar in Verdacht, die Neigung zu Essstörungen und/oder Adipositas zu verstärken, warnt Prof. Dr. Silke Bartsch in einem Zwischenruf in der Fachzeitschrift "Ernährung im Fokus".

Was heißt eigentlich "gesund"?

Es gibt eine Vielzahl von Gesundheitsdefinitionen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert den Begriff wie folgt: „Gesundheit ist ein Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen.“

Gesundheit ist demnach mehr als die Abwesenheit von Krankheit und in großen Teilen als subjektives Empfinden zu definieren.

In den Gesundheitswissenschaften wird häufig auf Antonovsky und dessen Konzept der Salutogenese Bezug genommen. Nach Antonovsky sind Gesundheit und Krankheit zwei Extreme zwischen denen unser jeweiliger Zustand pendelt. Jeder Mensch ist ständig in irgendeiner Form Stress ausgesetzt, die die Nadel in Richtung Krankheit ausschlagen lassen kann. Um sich in Richtung Gesundheit zu bewegen, muss der Mensch dazu fähig sein, Ressourcen zu erkennen und zu nutzen.

Vor dem Hintergrund dieser Begriffsdefinition kann es fachlich nicht korrekt sein, Schülerinnen und Schülern pauschal eine allgemeine Empfehlung wie "Vollkornbrot ist gesund!" zu geben. Was bringt es dem Schüler, wenn er kein Vollkornbrot kennt oder mag? Oder wenn die Familie diese Empfehlung nicht unterstützt? Das Vollkornprodukte gesundheitsförderlich sind, steht außer Frage. Aber das Argument "gesund" bringt wenig, um Kinder und Jugendliche nachhaltig auf den Geschmack zu bringen.

Eine Ernährungsbildung im Sinne des REVIS-Curriculums orientiert sich an dem salutogenetischen Ansatz und ist genussorientiert. Sie stellt "den essenden und handelnden Menschen und den Erhalt und die Entwicklung der individuellen und sozio-kulturellen Ressourcen" in den Mittelpunkt. Neben der Vermittlung von Wissen setzt sie auf Kompetenzerwerb, Selbstreflexion und Körperwahrnehmung.

Eine zeitgemäße Ernährungsbildung hat demnach das Ziel, Schülerinnen und Schüler mit der Vielfalt unserer Lebensmittel im Sinne der Ernährungspyramide vertraut zu machen. Um ihnen die Lebensmittelgruppe "Brot/Getreide" näher zu bringen, können Backaktionen oder Blindverkostungen mit verschiedenen Brot- und Getreideprodukten durchgeführt werden. Auch der Mehrwert von Vollkornmehl gegenüber Weißmehl für den Körper kann thematisiert und erfahren werden. Auf Basis dieses Wissens und dieser Erfahrungen können die Schülerinnen und Schüler dann selbst eine Entscheidung für sich treffen, ob und wie häufig sie zukünftig Vollkornbrot essen werden.

Essen, Trinken oder Ernährung?

Unsere Assoziationen zu dem Begriff Ernährung stehen ebenfalls im Widerspruch zu einer genussorientierten Ernährungsbildung. Denn wenn wir von Ernährung sprechen, geht es uns meistens um den alltäglichen Prozess des Essens und des Trinkens. Selten sprechen wir mit Schülerinnen und Schülern über die Ernährung als Expertenthema und thematisieren Nährstoffempfehlungen, Studienergebnisse, Erkenntnisse aus der Ernährungsmedizin etc. . Dr. Anke Oepping vom Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) hat sich im Rahmen ihrer Lehrtätigkeit an der Hochschule Paderborn mit dem Thema befasst und empfiehlt Pädagoginnen und Pädagogen seit langem, den Begriff Ernährung nur dort zu verwenden, wo er auch tatsächlich angebracht ist und im alltäglichen Miteinander durch konkrete Begriffe wie Essen und Trinken zu ersetzen. Machen Sie dazu ein Experiment und befragen Sie einige Ihrer Schülerinnen und Schüler, wie sie sich ernähren. Und fragen Sie im Gegenzug eine andere Gruppe Schülerinnen und Schüler, was sie essen und trinken. Sie werden sicherlich einen Unterschied bei den Antworten bemerken und beobachten, wie sehr der Begriff "Ernährung" in den letzten Jahren überstrapaziert und mit Ideologien, Reglementierungen und Genussfeindlichkeit aufgeladen und in Verbindung gebracht wurde.

Fazit

Essen und Trinken ist mehr als reine Nahrungsaufnahme. Die Auswahl und Zubereitungsform von Lebensmitteln wird durch viele individuelle und sozio-kulturelle Aspekte beeinflusst, die eine Aufteilung in "gesund" und "ungesund" bzw. "richtig" oder "falsch" unmöglich machen. Dem muss die Ernährungsbildung Rechung tragen. Die folgenden Tipps helfen, Kinder und Jugendliche auf ihrem individuellen Weg zu einem gesundheitsförderlichen Ernährungsverhalten zu unterstützen:

Praxistipps:

  • Sprechen Sie nicht von Ernährung, wenn Sie Essen und Trinken meinen. Ernährung ist ein Expertenthema, im Alltag tun wir vor allem eines: essen und trinken.
     
  • Versuchen Sie möglichst keine Lebensmittel be- oder abzuwerten („Du hast schon wieder ungesundes Weißbrot dabei!“). Thematisieren Sie stattdessen die Ernährungspyramide. Das Modell lässt den Kindern Wahlfreiheit und kommt komplett ohne Verbote aus. Und bringen Sie Ihre Schülerinnen und Schüler mit Sinnesübungen und Verkostungen auf den Geschmack von frischem Gemüse und Obst, Vollkornbrot oder Milchprodukten.
     
  • In der Ernährung gibt es kein gesund oder richtig bzw. ungesund oder falsch, denn jeder Mensch und jeder Körper ist anders. Legen Sie den Schwerpunkt auf Körperwahrnehmung und subjektives Empfinden („Wie fühlt sich das für dich im Laufe des Vormittags an, wenn du nicht frühstückst?“). Auch Aktionen wie Geschmacksschulungen helfen, Kinder und Jugendlichen, neue Lebensmittel auszuprobieren und mit Vorurteilen aufzuräumen („Vollkornbrot schmeckt mir nicht!“).
     
  • Üben Sie mit Ihren Schülerinnen und Schülern einen wertschätzenden Umgang miteinander ein, indem abwertende Begriffe vermieden werden. Dazu gibt es Übungen, in denen die positiven Seiten eines jeden Mitschülers hervorgehoben werden. 

Silke Hoffmann, Bielefeld

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