Kindliche Ess-Typen

Typische Verhaltensmuster beim Essen achtsam begleiten

Kitakinder sitzen an bunten Tischen und Essen und Trinken bei einer Zwischenmahlzeit. © rdkcho – stock.adobe.com
  • Bei den gemeinsamen Mahlzeiten in der Kita oder Kindertagespflege kommen Kinder mit unterschiedlichen Prägungen und Temperamenten zusammen.
  • Jedes von ihnen möchte individuell begleitet werden.
  • Kindliche Ess-Typen beschreiben typische Verhaltensmuster, die zum Teil der kindlichen Essentwicklung entsprechen.
  • Sie können helfen, Kinder in ihrer individuellen Essentwicklung zu unterstützen.

Jedes Kind is(s)t einzigartig

Am Esstisch ist es bunt und lebendig: Hier essen Kinder unterschiedlicher kultureller, religiöser und sozialer Herkunft gemeinsam. Jedes Kind bringt seine eigene Essbiographie, familiär geprägte Ess-Erfahrungen und sein Ess-Temperament mit – und möchte individuell begleitet werden.

“Egal ob hungrig oder nicht, am Esstisch gehören alle dazu. Denn hier geht es nicht nur ums Essen, sondern auch um Gespräche, sich wohlfühlen, sich ausprobieren und mit dem Geschmack experimentieren."

Dr. Henrike Schönau

Kindliche Ess-Typen helfen, Verhaltensmuster besser zu verstehen

Mit Geduld und Vertrauen in die Kinder und kleinen Impulsen gelingt es, Kinder in ihrer Ess-Entwicklung zu stärken und die Esssituationen angenehm zu gestalten. Ihre professionelle Haltung und Ihr Wissen über die verschiedenen Entwicklungsphasen helfen, sie gut zu begleiten – im engen Austausch mit den Eltern. 

Das 1x1 der kindlichen Esstypen

Die hier beschriebenen Ess-Typen greifen überzeichnete, aber typische Verhaltensmuster auf. Sie entsprechen zum Teil der kindlichen Essentwicklung, zum Teil der praktischen Erfahrung. Zur besseren Lesbarkeit haben wir die männliche Form verwendet. Grundsätzlich gilt das kleine 1x1 der Essentwicklung für alle Geschlechter gleichermaßen.

Ess-Typ: "Der Selbständige"

Typisches Verhalten: Der Ess-Typ "Der Selbstständige“ wehrt sich mit beiden Händen oder presst die Lippen fest zusammen, sobald er gefüttert wird. Ruhig am Tisch zu sitzen und sich auf das Essen zu konzentrieren, fällt ihm schwer. Viel lieber isst er nebenbei – im Laufen, beim Spielen oder unterwegs.

Was steckt dahinter: Schon in der frühen Autonomiephase wollen Kinder selbst handeln. Sichtbar wird das bereits gegen Ende des 1. Lebensjahres mit der zunehmenden Mobilität und dem Wunsch „Selbstständig zu essen”. Das natürliche Streben nach Unabhängigkeit steht allerdings häufig in Konkurrenz zum Hunger. In dieser frühen Phase entwickeln Kinder ein feines Gespür für ihre eigenen Bedürfnisse. Sie lernen Hunger von Durst oder Appetit zu unterscheiden und ihren Platz in der Tischgemeinschaft zu finden. 

Was kann dem Ess-Typ "Der Selbständige" helfen?

  • Partizipation von Anfang an: Bei der „Zwei-Löffel-Methode“ dürfen Kinder schon früh mit einem zweiten Löffel eigene Essversuche machen. Etwas später üben sie zunehmend sicherer mit einer Gabel die neue Ess-Technik.
  • Lassen Sie die Kinder bei Tisch aktiv bleiben: Mit Ärmel-Lätzchen, die den Schoß bedecken, stabilen Fußstützen und abwaschbaren, rutschfesten Silikonunterlagen für Teller und Glas schaffen Sie eine sichere, ruhige Essumgebung.
  • Klare Strukturen, wie feste Sitzplätze, vorhersehbare Abläufe (z. B. Tischrituale und Regeln) oder ein Assistenztisch entspannen unruhige Mahlzeiten.

Selbstständig essen macht Kinder stolz und unabhängig(er). Es fördert ihr Selbstbewusstsein und die Selbstwirksamkeit – auch wenn dabei längst nicht jeder Bissen im Mund landet.

Ess-Typ: "Der Süßschnabel"

Typisches Verhalten: Süßes geht immer – der Ess-Typ „Der Süßschnabel“ zeigt große Begeisterung bei süßem Brotbelag, isst aus der Brotbox die süßen Snacks vor dem Herzhaften und wartet beim Mittagessen lieber auf den Nachtisch.

Was steckt dahinter: Von Geburt an haben Kinder eine Vorliebe für süße, energie- und fettreiche Speisen, da diese schnell satt machen – eine ehemalige Überlebensstrategie, die heute überflüssig ist. Mit Ihrer Unterstützung können Kinder einen guten Umgang damit üben.

Was kann dem Ess-Typ "Der Süßschnabel" helfen?

  • Überlegen Sie im Team, ob und wann Süßigkeiten & Co angeboten werden sollen. Diskutieren Sie, ob sich „Zuckerfreie Zeiten“ (z. B. vormittags) positiv auf das KiTaleben und das Ernährungsverhalten der Kinder auswirken können.
  • Klare Regeln, wie zum Beispiel „eine Naschzeit“, „nur zu bestimmten Anlässen“ oder „in sehr kleine Mengen“ geben den Kindern, den Eltern, aber auch dem Team Orientierung.
  • Informieren Sie die Eltern über die Vereinbarungen in Ihrer KiTa und geben Sie ihnen Alternativen für die sinnvolle Gestaltung der Pausenbrotbox mit.

Belohnen, trösten oder sanktionieren Sie nicht mit Süßigkeiten & Co. Helfen Sie dem Kind durch Ihre Nähe, Aufmerksamkeit oder Ihren Zuspruch, eine schwierige Situation zu lösen. 

Ess-Typ: "Der Skeptiker"

Typisches Verhalten: Gemüse sortiert der Ess-Typ „Der Skeptiker“ aus, besonders wenn es leicht bitter schmeckt! Selbst bei grünem oder saurem Obst ist er zurückhaltend.

Was steckt dahinter: Kinder sind von Natur aus vorsichtig bei bitteren, sauren und grünen Lebensmitteln – das ist ein angeborener Schutz, der sie vor Ungenießbarem oder Unreifem bewahren soll. Deshalb gehören Gemüse wie Brokkoli, Spinat oder grüne Paprika selten zu den Lieblingsspeisen.

Was kann dem Ess-Typ "Der Skeptiker" helfen?

  • Die Entwicklung der Geschmacksknospen ist etwa mit drei Jahren abgeschlossen, der Geschmackssinn reift jedoch ein Leben lang weiter. Nutzen Sie diese Zeit, um Kinder für Gemüse und Co. zu begeistern.
  • Seien Sie mutig: Je abwechslungsreicher das Angebot, desto mehr können Kinder testen. Neue Lebensmittel lassen sich gut mit Vertrautem kombinieren – etwa auf dem Gemüseteller oder fein gerieben im Salat.

Geschmacksbildung braucht Zeit und spannende Ideen:

  • Rohkost in mundgerechten Stücken knackt beim Kauen, das macht Spaß! Auch Spiralen, Stifte oder andere Formen wecken die Neugier.
  • "Farb-Tage“, an denen die Lieblingsfarbe in Suppe, Soße oder Obstteller auftaucht, ermutigen Kinder, neue Geschmacksrichtungen und Konsistenzen auszuprobieren.

Kinder besitzen rund 10.000 Geschmacksknospen – die wollen schmecken lernen! Am besten gelingt das mit allen Sinnen, kleinen Ess-Abenteuern und positiven Erlebnissen rund ums Essen. 

Ess-Typ: "Der Vorsichtige"

Typisches Verhalten: „NEIN!“ – ganz plötzlich wird der „Vorsichtige“ kritisch für neue Geschmackserfahrungen. Nun isst er nur noch sehr vertraute Speisen, oft auch nur einzelne Bestandteile einer Mahlzeit, etwa ausschließlich Nudeln oder trockenes Brot.

Was steckt dahinter: Die Neophobie oder „Angst vor Neuem“ beginnt im zweiten Lebensjahr und kann bis zum sechsten Lebensjahr immer wieder auftreten. In dieser Zeit können auch die Essgewohnheiten wechseln: Die Vorlieben schwanken, die Auswahl und die Essmenge verändert sich, manchmal sogar die Häufigkeit der Mahlzeiten. All dies gehört zur kindlichen Ess-Entwicklung und zeigt, dass die Kinder ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen.

Was kann dem Ess-Typ "Der Vorsichtige" helfen?

  • Auch wenn es schwer fällt – bitte sprechen Sie das Essverhalten des Kindes nicht am Tisch an, überreden Sie nicht zum Probieren und bewerten Sie die Essmengen nicht.
  • Bleiben Sie entspannt, selbst wenn der Speiseplan eingeschränkt ist: Eine lockere Tisch-Atmosphäre und gute Vorbilder machen die Kinder mutig, nach und nach ihren Speiseplan zu erweitern.
  • In angespannten Ess-Situationen helfen sogenannte „Ankerlebensmittel“, zum Beispiel eine bekannte Brotsorte, Obst, Gemüse oder Naturjoghurt. Hauptsache, das Kind kennt sie von zu Hause. 

Besser schmeckt es, wenn alle am Tisch das Gleiche essen. Ihr Vorbild ist besonders wirkungsvoll: der „pädagogische Happen“ oder eine kleine Probierportion lädt ein, die Speisen zu entdecken und vermittelt ganz nebenbei unsere Ess- und Tischkultur.

Ess-Typ: "Der Trennköstler"

Typisches Verhalten: „PUR“ ist angesagt: Brot ohne Belag, Nudeln ohne Soße, Suppen fein püriert – so mag der „Trennköstler“ sein Essen am liebsten. Bei Käsebroten, Aufläufen, gemischten Gerichten oder sogar gefüllten Keksen fühlt er sich schnell überfordert.

Was steckt dahinter: Der Mundbereich ist bei Kindern sehr sensibel: Er nimmt nicht nur den Geschmack und die Temperatur wahr, sondern auch die Konsistenz. Schon kleine Textur-Unterschiede können zu viel sein.

Was kann dem Ess-Typ "Der Trennköstler" helfen?

  • Mischen Sie die Speisen nur nach Absprache mit dem „Trennköstler“ – bieten Sie ihm die Tomatensoße getrennt von den Nudeln an, statt Käsebrot gibt es trockene Brotsticks und Käsewürfel.
  • Eine gleichmäßige Konsistenz wirkt Wunder, da oft schon kleine Stückchen stören. Püriert – ob in der Soße, Suppe, Fruchtmilch oder im Joghurt – lässt sich das Essen leichter genießen.

Manche Kinder sind „Superschmecker“: sie reagieren besonders empfindlich auf intensive Geruchs- und Geschmackseindrücke. Hier sind pure Grundnahrungsmittel, ungesüßte Milchprodukte und milde Gemüse- und Obstsorten ideal.

Ess-Typ: "Der Spatz am Tisch"

Typisches Verhalten: Der Ess-Typ „Spatz“ fühlt sich wohl am Esstisch, erzählt viel und gerne. Allerdings isst er an vielen Tagen nur sehr kleine Portionen.

Was steckt dahinter: Jedes Kind hat seinen individuellen Energiebedarf, Stoffwechsel und sein eigenes Ess-Tempo. Von Geburt an verfügen Kinder über ein verlässliches Gefühl für Hunger und Sättigung. Deshalb variiert die Essmenge – je nach Wachstum, Entwicklungsschüben und täglicher Bewegung.

Was kann dem Ess-Typ "Der Spatz am Tisch" helfen?

  • Alle Kinder, vor allem aber diese, profitieren von einem regelmäßigen Ess-Angebot (ca. alle zwei bis zweieinhalb Stunden) ohne Zwischendurch-Häppchen. Wasser und ungesüßter Tee stehen natürlich jederzeit zur freien Verfügung.
  • Das Auge isst mit: Für kleine Kinder sind kleine Portionen ideal. Zu viel –  egal ob es die Menge oder Auswahl ist – überfordert den Ess-Typ „Spatz“.
  • Für alle Kinder gilt: Jeder darf sich gerne einen Nachschlag nehmen, aber auch Reste dürfen auf dem Teller bleiben. Lassen Sie die Kinder, sobald sie feinmotorisch in der Lage sind, selbst schöpfen. 

Tischgespräche zu „im Bauch ist noch Platz oder bin ich schon satt“ helfen, das eigene Empfinden einzuordnen, und nach und nach die Essmenge anzugleichen. 

Ess-Typ: "Der Genießer"

Typisches Verhalten: Der Ess-Typ „Der Genießer“ isst mit strahlenden Augen und Hingabe – häufig ganz schön schnell und manchmal auch große Mengen.

Was steckt dahinter: Gerade kleine Kinder essen zu Beginn einer Mahlzeit oft hastig bis der erste Hunger gestillt ist. „Futterneid“ spielt dabei in der frühen Kindheit kaum eine Rolle.

Was kann dem Ess-Typ "Der Genießer" helfen?

  • Damit nicht aus „Lust am Essen“ genascht wird, sollten zwischen den Mahlzeiten weder Snacks noch Obstteller sichtbar im KiTa-Raum stehen.
  • Um langsam zu essen oder auf den Nachschlag zu warten, müssen sich Kinder gut regulieren können. Das kann man üben, indem der Genussesser seinen Nachschlag erst erhält, wenn alle anderen Kinder ihn auch bekommen.

Freuen Sie sich mit dem „Genießer“ über sein genussvolles, sinnliches Essverhalten – das ist wichtig für die Geschmacksbildung. Kleine SinnExperimente, wie zum Beispiel „spürst du, wie knackig die Karotte ist“, können ihm helfen, das Ess-Tempo zu reduzieren.

Gemeinsam gut essen!

Sie möchten die Verpflegung in Ihrer Schule, Kita oder Kindertagespflegeeinrichtung verbessern? Sie suchen eine Fortbildung, benötigen Material oder Unterstützung vor Ort? 

Das Bundeszentrum Kita- und Schulverpflegung ist Ihr zentraler Ansprechpartner rund um gesundes Essen in Kindertagesbetreuung und Schule.

Kostenlose Fortbildung

Für interessierte pädagogische Fachkräfte in der Kita oder Personen in der Kindertagespflege bietet das BZfE die kostenfreie Web-Fortbildung Mit allen Sinnen genießen an. Wir schauen uns konkrete Situationen im Betreuungsalltag an, in denen Lebensmittel mit allen Sinnen entdeckt werden können. Neben Informationen zu den jeweiligen Sinnen, entwickeln wir gemeinsam beispielhafte Sinnesübungen, die direkt im Betreuungsalltag umgesetzt werden können.


Weitere Materialien beim BLE-Medienservice

  • Produktbild: Mit KiTa-Kindern die Sinne erforschen. Öffnet die Seite zum bestellen.
    © www.ble-medienservice.de

    Mit KiTa-Kindern die Sinne erforschen

    Während und rund um Mahlzeiten können Sie die Kinder unterstützen, ihre Sinne bewusst wahrzunehmen und zu schärfen. Wir haben dafür einfache und partizipative Umsetzungsideen zusammengestellt.

    Jetzt bestellen

  • Produktbild: Gemeinsam Vielfalt entdecken: Saisonales Obst und Gemüse. Öffnet die Seite zum bestellen.
    © www.ble-medienservice.de

    Gemeinsam Vielfalt entdecken: Saisonales Obst und Gemüse

    Was wächst wann in Deutschland? Was kann damit zubereitet werden? Welches Obst und Gemüse kennen die Kinder bereits? Die Illustration unterstützt Sie dabei, mit Ihren Kindern im Betreuungsalltag über die Vielfalt von Obst und Gemüse ins Gespräch zu kommen oder zu kleineren Aktionen anzuleiten und so Ernährungsbildung in Kita und Kindertagespflege erfolgreich einzubetten.

    Jetzt bestellen

  • Produktbild: So macht Essen Spaß: Entdeckerheft für Kitakinder und Erstklässler. Öffnet die Seite zum bestellen.
    © www.ble-medienservice.de

    So macht Essen Spaß: Entdeckerheft für Kitakinder und Erstklässler

    Woher kommt die rote Nudelsoße? Wie sieht eine Erbsenschote von innen aus? Warum hat der Apfel eine Schale? Darf ich mit zum Einkaufen?

    Jetzt bestellen