Professionelle Haltung beim Essen

So entwickeln KiTa-Kinder ihr eigenes Essverhalten

Kitakinder essen mit ihrer Erzieherin vorgeschnittene Orangen. © Oksana Kuzmina – stock.adobe.com
  • Jeder Mensch hat seine eigene Essbiografie, die sich nachhaltig auf sein Essen und Trinken auswirkt.
  • Private und berufliche Einstellungen in Bezug auf Essen und Trinken sind nicht immer identisch.
  • Wichtig für Fachpersonen ist ein professioneller Umgang damit: Dazu gehören Selbstreflexion, Offenheit, Neutralität und Selbstfürsorge.
  • Eine professionelle Haltung ist notwendig für eine möglichst unbeeinflusste Essentwicklung der Kinder.
  • Die folgenden Anregungen zur Reflexion können helfen eine private und eine professionelle Haltung zu unterscheiden.

Privat versus gemeinschaftlich essen

Essen und Trinken sind Privatsache – eigentlich. Zugleich finden Mahlzeiten häufig in der Öffentlichkeit, beziehungsweise in Gemeinschaft statt. Pädagogische Fachkräfte und Kindertagespflegepersonen sind wichtige Multiplikatorinnen und Multiplikatoren bei der Ernährungsbildung. Obendrein steht die Ernährung im Kontext von Esskultur(en), Normen, Werten oder ideologischen Vorstellungen. Das erfordert eine professionelle Haltung von Fachpersonen in der Kita und Kindertagespflege. 

“Damit Kinder eine möglichst unbeeinflusste eigene Essentwicklung erleben können, ist eine professionelle Haltung der Fachpersonen sehr wichtig.” 

Dr. Henrike Schönau, Referentin Ernährungsbildung im BZfE

Warum ist eine professionelle Haltung wichtig?

Ernährung ist ein sehr sensibles Bildungsfeld. Wie Kinder essen und trinken lernen, bestimmt das Ernährungs- und Gesundheitsverhalten für ihr weiteres Leben. Deshalb ist es wichtig, dass pädagogische Fachkräfte über ein ernährungswissenschaftliches Grundwissen verfügen und wissen, welche Informationsquellen wissenschaftlich fundiert und vertrauenswürdig sind. Ebenso wichtig ist es, dass sie ihre eigenen Einstellungen und ihr eigenes Handeln immer wieder reflektieren.

Eine professionelle Haltung von pädagogischen Fachkräften und Kindertagespflegepersonen erfordert ein wissenschaftlich gestütztes, reflektiertes und verantwortungsvolles Grundverständnis von Ernährungsbildung, welches das pädagogische Handeln leitet.

Eigene Einstellungen zum Essen reflektieren

Jeder Mensch hat in Bezug auf Essen und Trinken eigene Gewohnheiten und Einstellungen. Diese beruhen oft auf Erfahrungen in der Kindheit, Glaubenssätzen und Traditionen der Herkunftsfamilie. Erinnern Sie sich zum Beispiel, wie Ihre Eltern bzw. Bezugspersonen über bestimmte Lebensmittel gesprochen haben? Welche sie geschätzt, welche sie abgelehnt haben? Welche Atmosphäre herrschte damals am Esstisch? Was haben Sie besonders genießen können, was hätten Sie sich als Kind anders gewünscht? 

Häufig beeinflussen diese persönlichen Erfahrungen und Einstellungen auch ihr Essverhalten und ihre Art und Weise, über Essen zu kommunizieren. Machen Sie sich dies bewusst, damit Sie neutral über Speisen sprechen und damit umgehen können.

Anregungen zur Reflexion der eigenen Einstellungen zum Essen

  • Entspricht Ihre alltägliche Ernährung den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung beziehungsweise der Darstellung in der Ernährungspyramide?
  • Bei welchen Lebensmittelgruppen gibt es Abweichungen? Wo liegen die Gründe für die Abweichungen (z. B. Vorlieben, Abneigungen, Lebensmittelunverträglichkeiten)?
  • Wie häufig essen Sie am Tag?
  • Wie häufig essen Sie zwischendurch?
  • Essen Sie eher schnell oder eher langsam?
  • Wie essen Sie am liebsten (z. B. am gedeckten Tisch und in Ruhe, oder nebenbei bei einer anderen Beschäftigung)?
  • Sind Sie manchmal unzufrieden mit Ihrem Essverhalten?
  • Wie gehen Sie mit Essensresten nach dem Essen oder mit übrig gebliebenen Zutaten beim Kochen um?
  • Welche Einflüsse auf Ihre Ernährung aus Ihrer Essbiographie können Sie für sich festmachen?

Nehmen Sie sich für die Reflexion am besten etwas mehr Zeit und beobachten sich über einen längeren Zeitraum. Hilfreich kann es sein, ein so genanntes Esstagebuch zu führen. Ein vorgegebenes Raster ist zwar nicht zwingend notwendig, erleichtert aber die Selbstbeobachtung.

Private und berufliche Ansichten zur Ernährung trennen

Private und berufliche Ansichten und Handlungen zum Thema Ernährung können sich voneinander unterscheiden – das ist in Ordnung. Wichtig ist, dies voneinander zu trennen. 

Bleiben Sie dabei authentisch und erklären Sie dies bei Bedarf den Kindern. Zum Beispiel: „Ich vertrage keine Milchprodukte. Deshalb esse ich diesen Joghurt nicht. Stört euch nicht daran und lasst ihn euch schmecken!“ Kann vielleicht in einer solchen Situation ein Kollege oder eine Kollegin einspringen und den Joghurt gemeinsam mit den Kindern essen? Halten Sie eigene Meinungen, die für das Kind nicht relevant sind, zurück. 

Vermeiden Sie Stigmatisierungen: Keine Äußerungen von Abneigungen gegenüber Lebensmitteln, keine Bewertung von mitgebrachten Speisen, keine Beschämung, keine „Diätratschläge“.

Die Kompetenz des Kindes sehen

Im Gegensatz zu früheren normativen Ansätzen gilt heute, dass (auch schon kleine) Kinder als kompetente und selbstwirksame Essende angesehen werden. Das entspricht dem kompetenzorientierten Ernährungsverständnis und stützt sich auf Erkenntnisse der frühkindlichen Entwicklungspsychologie. 

Die Autonomie des Kindes spielt dabei eine wichtige Rolle: Die Kinder entscheiden, ob und wie viel sie essen. Erwachsene sind verantwortlich für ein ausgewogenes Angebot. Anregungen zur Umsetzung finden Sie auch im Artikel Partizipation beim Essen und Trinken. Auf Druck und Kontrolle wird verzichtet: Kein Drängen, „diese paar Bissen“ noch aufzuessen, kein Zwang, kein moralisches Aufladen von Speisen. Stattdessen sollten Mahlzeiten in stressfreier Atmosphäre ablaufen und emotionale Sicherheit bieten. Eine stabile Atmosphäre fördert die Selbstregulation des Kindes und langfristig ein ausgewogenes Ernährungsverhalten.

Auf die Wortwahl beim Thema Essen achten

Damit die Kommunikation kindgerecht und auf Augenhöhe ist, empfiehlt das BZfE, in der Ernährungsbildung auf strenge „Man soll“-Vorgaben, Verbote oder auf kategorische Zuschreibungen wie „gesund“ oder „ungesund“ zu verzichten. Solche Kategorien sind für Kinder kaum greifbar, bieten keinen Mehrwert und sind wissenschaftlich nicht haltbar. Außerdem machen strenge Vorgaben und Verbote Dinge erst interessant. 

Seien Sie sensibel in der Kommunikation mit vulnerablen Gruppen, etwa Kindern mit Unverträglichkeiten oder anderen gesundheitlichen Einschränkungen, restriktivem Essverhalten oder familiär/kulturell geprägten Ernährungskonflikten. Versuchen Sie, im Gespräch mit den Eltern diese Konflikte aufzulösen oder zumindest zu verstehen. Nehmen Sie hierfür eine systemische Perspektive ein: Die Mahlzeiten in der KiTa stehen nicht im luftleeren Raum, sondern sind Teil eines größeren Ernährungssystems, auf das auch die familiären und kulturellen Hintergründe der Kinder einwirken. Eine professionelle Haltung bedeutet auch, diese Zusammenhänge zu verstehen und bei der Kommunikation zu berücksichtigen.

Geschlechtsspezifische Unterschiede beim Essen und Trinken ziehen sich durch fast alle Epochen und Kulturen und sind auch bei uns heute sichtbar (bei Jungen und Männern eher lustbetonter Umgang mit Essen und Trinken, bei Mädchen und Frauen eher kontrolliert bis rigide). Diese unterschiedlichen Zugänge zur Ernährung werden durch das Verhalten der Eltern, anderen Bezugspersonen und Medien maßgeblich beeinflusst. Reflektieren Sie auch dazu Ihre Erfahrungen, Einstellungen und Haltungen.

Das, was wir essen und die Art, wie wir essen, wird entscheidend durch unsere Umgebung beeinflusst, in die wir hineingeboren werden und in der wir aufwachsen. Viele Gewohnheiten, Vorlieben und Tabus sind von unserer Kultur vorgegeben.

Anregungen zur Reflexion der eigenen Wortwahl

  • Wie reden Sie über Lebensmittel und Speisen? Gibt es hierbei einen Unterschied, wenn Sie diese gerne oder nicht so gerne essen?
  • Wie ist die Essenssituation in Ihrer Einrichtung geregelt? Essen Sie gemeinsam mit den Kindern?
  • Wenn sich Ihre private von Ihrer professionellen Haltung zu einem Lebensmittel unterscheidet: Wie handhaben Sie dies?
  • (Wie) reden Sie mit den Kindern z. B. beim Essen über deren Essverhalten?

Kinder lernen durch Nachahmung

Die Essvorlieben von Kindern werden durch die Esskultur und Haltungen anderer Menschen beeinflusst. Kinder beobachten genau, was und wie die Erwachsenen und andere Kinder essen und ahmen dies nach. Wenn Vorbildpersonen sich positiv über eine Speise äußern, sind Kinder eher bereit diese zu probieren und zu mögen. Somit beeinflusst Ihr Essverhalten und Ihre Kommunikation das Essverhalten der Kinder, sogar mehr als verbale Appelle. 

Eine professionelle Haltung bedeutet: neutral kommunizieren, nicht bewerten, Interesse wecken und immer wieder Gelegenheiten bieten, ohne Erwartungsdruck Neues kennenzulernen. 

Bei Kindern spielt es eine große Rolle, was und wie „die anderen“ essen. Auswärts essen sie sogar manchmal Gerichte, die sie zuhause verschmähen. Deshalb ist es wichtig, dass Kita und Kindertagespflege qualitativ hochwertiges Essen anbieten. Dann können sich die Erfahrungen, die die Kinder dort sammeln, positiv auf ihr Essverhalten auswirken.

Anregungen zur Reflexion der Vorbildfunktion

  • Wie gehen Sie mit Belastungen, Konflikten und Stress um? (Wie) Wirken sich diese auf Ihr Essverhalten aus? Essen Sie dann gleich, eher mehr oder eher weniger als sonst?
  • Denken Sie an eine „Vorbild-Situation“ zurück, in der Sie nicht so professionell reagieren konnten, wie Sie es sich eigentlich vorgenommen hatten. Sie schauen auf diese Situation wie in einem Film von außen als neutrale Beobachterin. Was würden Sie der pädagogischen Fachkraft, die Sie beobachten, raten?

Tauschen Sie sich ggf. mit Ihrem Team aus und entwickeln Sie gemeinsam Strategien, um dieses vielfach jahrzehntelang antrainierte Verhalten zu durchbrechen. Holen Sie sich bei Bedarf professionelle Hilfe. Diese kommt Ihnen und den Kindern zu Gute.

Essen nicht als Belohnung oder Trost!

Der Schokoriegel als „Trostpflaster“ beim aufgeschlagenen Knie, die Extra-Portion Snack als Belohnung oder das süße Mitbringsel sind immer noch weit verbreitet. Selbst Gesundheitsbewusste versuchen auf diese Weise, dem Kind erwünschte Lebensmittel nahe zu bringen. Z. B. „Wenn du das Gemüse aufisst, bekommst du hinterher ein Eis“- Mit der Folge, dass das Eis immer begehrter und das Gemüse immer unbeliebter wird. Solche Belohnungsstrategien sind das Gegenteil einer professionellen Ernährungsbildung. Vermeiden Sie diese deshalb. Außerdem wirken sie über die Kindheit hinaus. Auch Erwachsene belohnen oder trösten sich mit Süßigkeiten und Snacks, wenn sie traurig sind, unter Schmerzen leiden oder besonderen Belastungen ausgesetzt sind. Ebenso wie im Kindesalter sind dies hier keine gewinnbringenden Strategien.

Gemeinsam gut essen!

Sie möchten die Verpflegung in Ihrer Schule, Kita oder Kindertagespflegeeinrichtung verbessern? Sie suchen eine Fortbildung, benötigen Material oder Unterstützung vor Ort? 

Das Bundeszentrum Kita- und Schulverpflegung ist Ihr zentraler Ansprechpartner rund um gesundes Essen in Kindertagesbetreuung und Schule.

Kostenlose Fortbildung

Für interessierte pädagogische Fachkräfte in der Kita oder Personen in der Kindertagespflege bietet das BZfE die kostenfreie Web-Fortbildung Mit allen Sinnen genießen an. Wir schauen uns konkrete Situationen im Betreuungsalltag an, in denen Lebensmittel mit allen Sinnen entdeckt werden können. Neben Informationen zu den jeweiligen Sinnen, entwickeln wir gemeinsam beispielhafte Sinnesübungen, die direkt im Betreuungsalltag umgesetzt werden können.


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    Das Material bietet Hintergrundinformationen und Anregungen, um Ernährungsbildung im Betreuungsalltag sichtbar und erlebbar zu machen. Anlässe zur (Selbst-)Reflexion finden sich in drei ausgewählten Lernsituationen aus dem Betreuungsalltag. Es handelt sich um eine Kooperation mit dem Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem Landeszentrum für Ernährung Baden-Württemberg (LErn BW).

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