- Kultiviertes Fleisch entsteht durch die Vermehrung tierischer Zellen im Bioreaktor.
- Wenn Zellfleisch wirklich auf dem Markt etabliert wird, könnte das dazu führen, dass deutlich weniger Tiere gehalten werden müssten.
- Weniger Tierhaltung bedeutet, dass weniger Land und Wasser für den Anbau von Futtermitteln verbraucht werden.
- Die Produktion ist noch nicht massentauglich und es ist bisher kein Produkt in Europa zugelassen.
- Fast die Hälfte der Menschen in Deutschland würde zellbasiertes Fleisch zumindest einmal probieren.
Ist die Erzeugung von zellbasiertem Fleisch die Zukunft?
In der Fleischerzeugung der Zukunft könnte es aussehen, wie in einer modernen Brauerei: Anstelle von Nutztieren reihen sich Edelstahlbehälter – sogenannte Bioreaktoren – aneinander. Sie ersetzen praktisch den tierischen Körper. Um Fleisch von Rind, Schwein oder Fisch zu züchten, müssen den Tieren Stammzellen entnommen werden. Allerdings muss dabei keines sterben. Dass dies positive Effekte auf die Umwelt hätte, liegt auf der Hand: Im Vergleich zur Tierhaltung benötigt kultiviertes Fleisch deutlich weniger Ressourcen wie Land oder Wasser. Es verursacht bei Nutzung erneuerbarer Energien geringere Treibhausgasemissionen - um nur einige ökologische Vorteile zu nennen. Würde kultiviertes Fleisch das Angebot an herkömmlich und traditionell erzeugtem ergänzen, könnten Viehbestände verkleinert werden. In puncto Tierwohl vermuten Forschende, dass weniger Tiere gute Voraussetzungen für bessere Haltungsbedingungen bedeuten.
Ist zellbasiertes Fleisch eine Alternative?
Für Fleischfans könnte kultiviertes Fleisch eine nachhaltigere Alternative sein. Die Motivitation gänzlich auf Fleisch zu verzichten ist sehr unterschiedlich. Wenn Tierwohl oder ökologische Aspekte Gründe dafür sind, könnte zellbasiertes Fleisch für vegan oder vegetarisch essende Menschen wieder ein Argument für Fleischgenuss sein.
So wird zellbasiertes Fleisch hergestellt
Zellisolation und -kultivierung
Aus dem Gewebe eines lebenden Tieres werden Stammzellen entnommen und in einer Nährlösung vermehrt.
Differenzierung der Zellen
Die Stammzellen entwickeln sich (beispielsweise) zu Muskelzellen.
Tissue Engineering
Nun müssen die Muskelzellen zu Muskelfasern heranwachsen, sodass eine Fleischstruktur entsteht. Dafür werden die vorgezüchteten Zellen in einem Bioreaktor auf Trägerschichten verankert und weiter gezüchtet ("Tissue Engineering" = gezielte Herstellung von biologischem Gewebe).
Diese Träger sind zum Beispiel Polymerstrukturen aus Kollagen, Chitin oder Polysacchariden. Sie sollten möglichst durchlässig sein, damit die Nährstoffe aus dem Nährmedium zu den Muskelzellen gelangen können.
Zellernte
Am Schluss werden die Zellen geerntet. Bislang ähnelt dieses Endprodukt eher Gehacktem oder Wurstbrät und wird ebenso verarbeitet. Um dreidimensionale Produkte wie ein Schweineschnitzel oder ein Fischfilet herzustellen, werden Gerüste benötigt. Diese können beispielsweise mit einem 3-D-Drucker hergestellt werden. Idealerweise sind die Gerüste essbar, damit sie am Schluss nicht wieder entfernt werden müssen.
Um Kulturfleisch herzustellen, das genauso aussieht wie zum Beispiel ein herkömmliches Steak, braucht es nicht nur eine dreidimensionale Struktur, sondern auch Fett- und Bindegewebe. Diese Gewebearten können ebenfalls aus den Stammzellen entstehen und kultiviert werden. Mithilfe der 3-D-Drucktechnologie könnten sie dann die Form eines “echten” Steaks annehmen. Technisch ist das durchaus schon heute möglich – allerdings nur in kleinem Maßstab und verbunden mit hohen Kosten.
Von der Zelle bis zum Steak
Begriffe und Definitionen
Der Begriff „Cultivated Meat / Cultured Meat“ (kultiviertes Fleisch) wird in der Fachwelt am meisten verwendet. Er umfasst nicht nur das zellbasierte Fleisch von Landtieren, sondern auch das von Fisch und Meeresfrüchten. Er ist damit ein neutraler Oberbegriff.
Weitere alternative Formulierungen für Fleisch und Fisch aus dem Bioreaktor sind zellbasiertes oder zellkulturbasiertes Fleisch, Kulturfleisch, Fleisch aus Zellkulturen, Labor- oder In-vitro-Fleisch.
Mögliche Vorteile von Fleisch und Fisch aus Zellkultur
Die Produktion von kultiviertem Fleisch hat einige Vorteile:
- Aufzucht und Schlachtung von Tieren entfallen.
- Es werden weniger Land und Wasser für den Anbau von Futtermitteln verbraucht und die Meere werden entlastet.
- Die Verschmutzung von Meer- und Grundwasser, zum Beispiel durch hohe Nährstoffeinträge aus Dünger im Ackerbau oder Fischfutter in Aquakulturen, könnte deutlich sinken.
- Die Entnahme von Zellen, die Biopsie, ist im Idealfall nur einmalig erforderlich. Das gelingt bei manchen Unternehmen schon, weil durch das entwickelte Verfahren erreicht wird, dass sich die Zellen unendlich teilen.
- Fleisch und Fisch aus Zellen sind voraussichtlich frei von Gentechnik, Antibiotika, Mikroplastik und Umweltgiften.
- Das Nährwertprofil kultivierter Produkte könnte gezielt verbessert werden, zum Beispiel indem der Gehalt an gesättigten Fetten durch Omega-3-Öle ersetzt oder bestimmte Vitamine und Mineralstoffe zugesetzt werden.
- In den Bioreaktoren werden nur die Teile produziert, die tatsächlich gegessen werden. Das vermeidet Lebensmittelabfälle.
- Nicht zuletzt sehen Befürworterinnen und Befürworter der Technologie ein großes wirtschaftliches Potenzial für Deutschland.
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Hürden für die Markteinführung von zellbasiertem Fleisch
Dass Lebensmittel auf Basis von tierischen Zellen in naher Zukunft – auch in Europa – auf den Markt kommen, ist nach aktuellem Stand wahrscheinlich. Zu welchem Zeitpunkt dies geschieht, ist abhängig davon, wann verschiedene Hürden überwunden sein werden, die einen Markteintritt derzeit noch schwierig machen. Das sind zum Beispiel:
Als klassisches Nährmedium für die Kultivierung von Zellen wird fetales Kälberserum eingesetzt. Für dessen Gewinnung müssen ungeborene Kälber sterben. Die Unternehmen versichern, dass es höchste Priorität habe, das tierische Nährmedium durch pflanzliche oder synthetische Alternativen zu ersetzen. Einigen soll dies in Kooperation mit spezialisierten Firmen bereits gelungen sein. Nun gilt es jedoch, diese Nährmedien – die je nach verwendeten Zellen unterschiedliche Zusammensetzung haben müssen – kostengünstig herzustellen.
Derzeit arbeiten viele Unternehmen noch unter Laborbedingungen mit sehr kleinen Bioreaktoren oder ersten Pilotanlagen. Unter diesen Voraussetzungen ist es jedoch (noch) nicht möglich, die Produkte zu erschwinglichen Preisen anzubieten. Um nicht nur einzelne Restaurants, sondern auch Supermärkte beliefern zu können, müssten die Produkte in viel größerem Maßstab hergestellt werden. Solche Produktionsanlagen sind jedoch noch in der Entwicklung. Die Notwendigkeit der Skalierbarkeit gilt auch für die Herstellung des Nährmediums sowie für die Entwicklung von (pflanzenbasierten) Gerüsten für die Produktion von dreidimensionalen Fleisch- bzw. Fischfleischstrukturen.
Für die Zulassung von kultiviertem Fleisch ist in Europa die sogenannte Novel-Food-Verordnung maßgeblich. Unternehmen müssen bei der Europäischen Kommission die Zulassung ihrer Produkte beantragen. Das Verfahren beinhaltet eine Sicherheitsbewertung durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und kann Jahre dauern. Bislang ist noch kein Produkt aus Europa zugelassen, während in Singapur, Australien und den USA schon Zulassungen für einzelne Produkte erteilt wurden.
Im Jahr 2023 wurde bekannt, dass ein deutsches Unternehmen als eine Zulassung für ein hybrides Wursterzeugnis bei der EFSA beantragt hat. Dabei handelt es sich um eine Art Hot dog aus kultiviertem Schweinefleisch und pflanzlichen Zutaten. Ein Start-up aus Frankreich reichte für seine kultivierte Entenleberpastete den ersten Zulassungsantrag für kultiviertes Fleisch in der Europäischen Union ein.
Bis Genehmigungen für die kommerzielle Herstellung dieser Produkte vorliegen, könnte es auch deshalb noch etwas dauern, weil einige EU-Länder die Europäische Kommission aufgefordert haben, eine öffentliche Konsultation zu kultiviertem Fleisch durchzuführen. Es wurden ethische, soziale und wirtschaftliche Bedenken wie auch Fragen zur Nachhaltigkeit und zur gesundheitlichen Unbedenklichkeit sowie zur Transparenz von Fleisch aus Zellkultur genannt, wie der wissenschaftliche Dienst des Bundestages berichtet. Die EFSA kündigte an, ihre bestehenden Leitlinien mit Blick auf Lebensmittel aus Zellkultur in etlichen Punkten zu erweitern und zu ergänzen.
Und was sagen Verbraucherinnen und Verbraucher? In den vergangenen Jahren haben Akzeptanzstudien aus verschiedenen Ländern gezeigt, dass kultiviertes Fleisch als unnatürlich und als weniger gut für die Gesundheit angesehen wird. Viele Menschen kennen den Begriff aber auch noch gar nicht. Laut einer repräsentativen Befragung* aus dem Jahr 2024 haben immerhin 53 Prozent der Teilnehmenden schon von dieser neuen Art, Fleisch herzustellen, gehört. Insgesamt würden 47 Prozent der Befragten Kulturfleisch zumindest einmal probieren, wenn es verfügbar wäre. 34 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass kultiviertes Fleisch für sie ansprechender sei, als die pflanzlichen Fleischalternativen, die es heute zu kaufen gibt. Jeweils über 30 Prozent der befragten Personen stimmten folgender Aussage “voll und ganz” beziehungsweise “eher” zu: “Wenn kultiviertes Fleisch von den Behörden für Lebensmittelsicherheit für sicher und nahrhaft befunden wird, sollte es zugelassen werden, so dass die Verbraucher die Wahl haben, ob sie kultiviertes Fleisch essen wollen oder nicht.”
Da es noch keine großtechnischen Produktionsanlagen für kultiviertes Fleisch gibt, fehlen verlässliche Daten zum Wasser- und Energieverbrauch. Auf Schätzwerte gestützte Vergleichsstudien mit der konventionellen Fleischproduktion zeigen Abhängigkeiten von der Tierart: Danach ist kultiviertes Rind- und Schaffleisch gegenüber seinen traditionell erzeugten Vorbildern klimafreundlicher. Bei Schweinefleisch und Geflügel sind die Klimavorteile durch eine Herstellung in großen Bioreaktoren dagegen zweifelhaft, weil der Energieverbrauch nach aktueller Studienlage höher ist, als bei der landwirtschaftlichen Erzeugung.
Allerdings gibt es hier große Unsicherheiten. Forschende plädieren daher dafür, spezifische Nachhaltigkeitskriterien zu definieren, um die Umweltauswirkungen von kultiviertem Fleisch mit bestehenden Produktionsmethoden besser vergleichbar zu machen. Ob kultiviertes Fleisch klimafreundlicher produziert werden kann, wird ganz wesentlich davon abhängen, ob erneuerbare Energien für den Betrieb der Bioreaktoren zum Einsatz kommen.
Nachgefragt: Zur Akzeptanz von zellbasiertem Fleisch
Das BZfE hat Dr. Ramona Weinrich, Junior-Professorin im Fachgebiet Verbraucherverhalten in der Bioökonomie an der Universität Hohenheim, zur Aktzeptanz der zellbasierten Produkte durch Verbraucherinnen und Verbraucher befragt:
Haben Verbraucherinnen und Verbraucher eine konkrete Vorstellung davon, was In-vitro-Fleisch ist und wie es hergestellt wird?
“Nein, und genau da liegt meines Erachtens auch die Herausforderung. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher stehen lebensmitteltechnologischen Herstellungsverfahren skeptisch gegenüber. Diese Skepsis gilt es durch Aufklärung zu überwinden, um eine Akzeptanz auf breiter Basis zu erreichen.”
Ist In-vitro-Fleisch als alternatives oder ergänzendes Fleischangebot erwünscht?
“In-vitro-Fleisch wird eher eine Ergänzung sein, in dem Sinne, dass ab und an anstatt traditionell hergestelltem Fleisch In-vitro-Fleisch gekauft wird. Konventionell produziertes Fleisch wird durch dieses zusätzliche Angebot vielleicht auch wieder mehr Wertschätzung erlangen.”
Was könnte Verbraucherinnen und Verbraucher zu einem möglichen Konsum von in-vitro-Fleisch motivieren? Was hemmt sie?
"Wir wissen aus unserer Forschung, dass Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland vor allem durch ethische Vorteile motiviert werden. Dazu zählen zum Beispiel eine umweltverträglichere Herstellungsweise und Tierschutzgründe. Weiterhin wird die Akzeptanz von In-vitro-Fleisch durch einen geringen Preis im Vergleich zu konventionell hergestelltem Fleisch erhöht oder dadurch, dass so globale Probleme, wie der Welthunger oder die Klimaerwärmung, bekämpft werden können. Hemmnisse sind zum Beispiel, dass In-vitro-Fleisch ein unnatürlicher Charakter beigemessen wird oder dass die Befürchtung besteht, es könne konventionellem Fleisch geschmacklich unterlegen sein."
Tierische Produktion in der Landwirtschaft zukünftig zellulär?
Befürworterinnen und Befürworter sprechen von "zellulärer Landwirtschaft" und malen ein Zukunftsbild, in dem die landwirtschaftliche Tierhaltung durch eine technologiebasierte Fleischerzeugung ersetzt wird – komplett vom Tier entkoppelt. Natürlich stellt sich die Frage, inwieweit die Produktion von kultiviertem Fleisch Auswirkungen auf tierhaltende Betriebe haben wird und in welchem Maße durch einen geringeren Verbrauch wichtige Einkommensquellen wegfallen werden. Vor allem die Öko-Branche betrachtet die Entwicklung kritisch. Natürliche Kreisläufe würden ignoriert, nur damit die Menschen weiterhin mehr Fleisch essen können als ihnen selbst und der Umwelt guttue. Auch der deutsche Bauernverband erkennt bislang kein Marktpotenzial für kultiviertes Fleisch, will sich der Entwicklung aber auch nicht komplett verschließen.
Um auszuloten, ob die Landwirtschaft von der neuen Technologie auch profitieren kann, fördert man in den Niederlanden ein Pilotprojekt. Hier wurde ein Milchviehbetrieb mit Technik zur Produktion von kultiviertem Fleisch ausgestattet. Ziel des Projektes ist es, landwirtschaftliche Betriebe dazu zu befähigen, kultiviertes Fleisch dezentral auf ihren eigenen Höfen herzustellen und so neue Einkommenswege zusätzlich zur Tierhaltung zu erschließen.
Den Dialog führen
“In-vitro-Fleisch könnte die Möglichkeit bieten, die Landwirtschaft neu zu gestalten und wiederzubeleben. Gerade Bauern mit kleineren Betrieben, die ökonomisch zu sehr unter Druck stehen, könnten durch In-vitro-Fleisch wieder wettbewerbsfähig werden. Dies könnte zu mehr Respekt und Wertschätzung gegenüber Bauern, Tieren und Landwirtschaft im Allgemeinen führen und so die industrielle Tierhaltung zurückdrängen. Dabei sei es entscheidend, mit den Bauern in Dialog zu treten und sie mit diesen neuen Ideen vertraut zu machen.”
Das zumindest war eine Meinung, die in der Studie "Visionen von In-vitro-Fleisch – Analyse der technischen und gesamtgesellschaftlichen Aspekte und Visionen von In-vitro-Fleisch" vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) publiziert wurde. Die Studie mit vielen Fach-Interviews wurde gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.
Fleisch aus Zellkultur kurz erklärt
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Weiterführende Informationen zu Fleisch und Fisch aus Zellkultur
Laborfleisch, In-vitro-Fleisch, Clean Meat – Fleisch der Zukunft?
Die Verbraucherzentrale Hamburg fasst den aktuellen Stand der Dinge zusammen.
Fleisch aus dem Labor – Ein Markt der Zukunft?
Artikel des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft zum Thema
Umfrage zu kultiviertem Fleisch und pflanzlichen Alternativen
Repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag des Good Food Institute Europe (2024)
Potenziale und Herausforderungen einer zellkulturbasierten Fleischproduktion
Themenkurzprofil des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB)

