- Es muss sich für Unternehmen lohnen, die biologische Vielfalt zu verbessern, Treibhausgase zu reduzieren oder Gewässer zu schützen.
- Werden diese Leistungen nicht angemessen honoriert, genießt der Umweltschutz bei der Produktion von Lebensmitteln häufig nicht die höchste Priorität.
- Die Regionalwert-Leistungsrechnung ermittelt, welche positiven und bisher unsichtbaren Leistungen Betriebe für die Umwelt und die Gesellschaft erbringen. Sie wurde von Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis entwickelt und erprobt.
- Ein Fachvortrag verdeutlicht, wie die Regionalwert-Leistungsrechnung funktioniert und welches Potenzial sie für die Transformation der Land- und Ernährungswirtschaft hat.
Nachhaltigkeit rechnet sich oft nicht
Unsere Lebensmittelproduktion wirkt sich empfindlich auf Nährstoffkreisläufe, biologische Vielfalt und Klima aus. Das ist das Ergebnis von umfangreichen Studien, unter anderem des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung. Diese zeigen: Eine stärker umweltverträgliche Lebensmittelproduktion ist möglich. Alle Menschen müssen langfristig gut und gesund essen können. Denn Nachhaltigkeit rechnet sich für die meisten Unternehmen unzureichend. „Es wird falsch gerechnet, denn Nachhaltigkeitsleistungen und Schäden werden nicht eingerechnet," so Expertin Dr. Jenny Lay-Kumar im Rahmen eines BZfE-Lunchtalks.
„Die aktuellen Preise und die aktuelle Betriebswirtschaft spiegeln die Realität nicht vollständig wider.“ (Dr. Jenny Lay-Kumar)
Nur was man kennt, kann man fördern
Mit der Regionalwert-Leistungsrechnung lassen sich die Leistungen ermitteln, die Betriebe für die Umwelt, die Gesellschaft und die regionale Wirtschaft erbringen und die in sonst in keiner Bilanz auftauchen. Rund 300 Kennzahlen fließen in die Nachhaltigkeitsanalyse ein, etwa die Art der Düngung, die Herkunft von Futtermitteln, der Einsatz von samenfesten Sorten und die Anzahl von Fach- und saisonalen Arbeitskräften. Auch Themen wie Arbeitsplatzqualität und regionale Vernetzung spielen eine wichtige Rolle. Erfahrene Betriebsleitungen können diese Analyse mit etwas Unterstützung in gut einem Tag selbst durchführen. Dafür benötigen sie hauptsächlich Daten aus ihrer Buchführung. Das Ergebnis wird mit Ampelfarben bewertet und weist Stärken und Schwächen eines Betriebes aus. „Man sieht also auf den ersten Blick, wie ein Unternehmen abschneidet“, sagt Lay-Kumar.
Beispiel Neumarkter Lammsbräu
Ein praktisches Anwendungsbeispiel für die Regionalwert-Leistungsrechnung ist auch die Firma Neumarkter Lammsbräu. Das Getränkeunternehmen ließ 2021/2022 ermitteln, welche Nachhaltigkeitsleistungen die landwirtschaftlichen Bio-Betriebe erbringen, die es mit Getreide und Braurohstoffen beliefern. Sie kamen auf 53.200 Euro pro Hof – so viel Mehrwert erbringt jeder Landwirtschaftsbetrieb der regionalen Erzeugergemeinschaft durchschnittlich pro Jahr für Umwelt und Gemeinwohl. Und zwar zusätzlich zu den erzeugten Lebensmitteln. Rechnet man die Studienergebnisse exemplarisch auf alle 180 Lieferbetriebe von Lammsbräu hoch, erwirtschaften diese jährlich knapp 9,6 Millionen Euro an Mehrwert. Dieser Wert taucht bisher in keiner Bilanz auf.
Beispiel EVG Landwege
Ein ähnliches Modellprojekt hat die EVG Landwege durchgeführt. Allein 16 Zulieferbetriebe dieser regionalen Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft im Lübecker Land erbringen Nachhaltigkeitsleistungen im Wert von rund 1,5 Millionen Euro. Landwege eG gehört zu den Bio-Pionieren der Regionalvermarktung. Die Genossenschaft hat in den vergangenen 25 Jahren einen regionalen Lebensmittelhandel mit sechs Bio-Märkten aufgebaut, die unter anderem von 30 Bio-Betrieben im Umkreis von 100 Kilometern beliefert werden.
Potenziale für den Wandel der Ernährungswirtschaft
Nicht nur die Landwirtschaft, auch die Ernährungswirtschaft und der Lebensmittelhandel können viel dazu beitragen, dass sich sozial-ökologische Leistungen wieder lohnen. Zum Beispiel, indem sie Produkte von Höfen beziehen, die solche nachhaltigen Leistungen erbringen und dies transparent machen. Oder indem sie ihre Lieferbetriebe dabei unterstützen, die Leistungsrechnung durchzuführen.
Ähnlich ausgerichtet ist das Mess- und Indikatorsystem für eine nachhaltige Gemeinschaftsgastronomie, das die Allianz für verantwortungsvolle Esskultur (AVE) im Februar 2025 vorgestellt hat. Hinter diesem Netzwerk stehen Pflege- und Bildungseinrichtungen, Auftragsküchen, Cateringunternehmen und Kantinen, die in der Summe täglich über 100.000 Essen zubereiten. Sechs Kriterien stehen hier für die Gemeinschaftsgastronomie der Zukunft, zum Beispiel ein hoher Anteil pflanzlicher Lebensmittel und mindestens 40 Prozent Bio-Produkte. Die Unternehmen können die Maßzahlen selbst ermitteln, etwa mit Hilfe ihres Warenwirtschaftssystems. Sie sollen regelmäßig evaluiert werden. Weiterführende Informationen finden Sie auf der Website der Allianz für verantwortungsvolle Esskultur.
Video: Online-Vortrag zum Thema
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Mittschnitt eines Online-Vortrags von Dr. Jenny Lay-Kumar im Rahmen des BZfE-Lunchtalks Ernährungstransformation.

