(BZfE) – Kleine und handwerkliche Betriebe der Lebensmittelverarbeitung spielen eine große Rolle für die Versorgung der Bevölkerung. Zwischen 2002 und 2022 ging die Zahl dieser Unternehmen in Deutschland um 44 Prozent zurück. Dazu gehört die Milch- und Fleischverarbeitung, die Mühlenwirtschaft, die Back- und Teigwarenherstellung, die Obst-, Gemüse-, Kartoffelverarbeitung und auch die Speiseölherstellung. Besonders betroffen sind Mühlen und Bäckereien sowie kleine, regionale Schlachthöfe und Fleischereien. Sie verzeichnen einen Verlust von bis zu 60 Prozent und mehr. Das stellten die Autorinnen und Autoren des Gutachtens „Strukturwandel in der Lebensmittelverarbeitung in Deutschland“ fest. „Wir waren verwundert, wie geräuschlos diese tiefgreifenden Veränderungen vonstattengingen“, schreibt das Forschungsteam der Universität Freiburg unter Leitung von Prof. Dr. Arnim Wiek.
Die Konzentration schreite mittlerweile so weit fort, dass heute gut drei Prozent der Lebensmittelunternehmen über 80 Prozent des Umsatzes erwirtschaften, heißt es in der Studie. Die sechs größten Ölmühlen kommen demnach auf einen Marktanteil von 76 Prozent; die sechs größten Teigwarenhersteller auf einen Anteil von 67 Prozent. In ähnlichen Größenordnungen liegt die Konzentration der Schlachtbetriebe für Schweine und Rinder.
Kleinere und mittlere Unternehmen der Lebensmittelverarbeitung bildeten über Jahrzehnte das Rückgrat der regionalen Lebensmittelversorgung. Die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen belasten sie jedoch in besonderem Maße, so das Gutachten. Sie kämpfen mit steigenden Energie- und Rohstoffkosten, Fachkräftemangel und einem scharfen Preiswettbewerb. Auch die Regulierungsanforderungen stellen eine hohe Belastung dar, denn sie sind auf große Industriebetriebe zugeschnitten, lautet die Einschätzung des Teams um Wiek.
Die Konzentration gefährdet die Versorgungssicherheit im Ernährungssystem und ist nachteilig für die Umwelt, heißt es in dem Gutachten. „Dieser Verlust wirkt sich nicht nur ökonomisch, sondern auch sozial, kulturell und ökologisch aus, da mit dem Rückzug des Lebensmittelhandwerks lokale Versorgungsstrukturen, Ausbildungsorte, betriebliche Netzwerke, gesellschaftliche Begegnungsorte und Funktionen der Umwelt- und Landschaftspflege durch zuliefernde kleine landwirtschaftliche Betriebe wegbrechen“, so der Studienbefund.
Bürgerinnen und Bürger haben nicht unbedingt die Chance zu erkennen, aus welcher Unternehmensform ein Produkt kommt. Denn Lebensmittelkonzerne betreiben sogenanntes „Craftwashing“, schreiben die Autorinnen und Autoren. Das meint, man vermarktet industriell hergestellte Produkte mit handwerklich anmutender Sprache oder Bilderwelten, so dass man beim Kauf davon ausgeht, die Ware würde aus kleineren Handwerksbetrieben stammen.
Die Maßnahmen von Politik und Verbänden reichten bislang nicht, um die Entwicklung aufzuhalten. Die Studie zeigt aber auch an konkreten Beispielen, wie man die regionale und kleinstrukturierte Lebensmittelverarbeitung stärken könnte, so dass sie unabhängiger von fossilen Energien wird, verlässliche Lieferbeziehungen aufbauen kann, faire Arbeitsbedingungen schaffen und kooperative Wirtschaftsformen entwickeln, die das Gemeinwohl stärken.
Dr. Gesa Maschkowski, bzfe.de
Weitere Informationen:
Studie Universität Freiburg: Strukturwandel in der Lebensmittelverarbeitung in Deutschland: Ursachen, Folgen und Maßnahmen für Resilienz und Nachhaltigkeit
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