"Foodsteps" Folge 11: Mit Körnern, Kindern und Kantinen – Über Bildung zu Wertschätzung und Wandel
Sebastian H. Schroeder:
Hi, Sebastian hier. Ich stehe in einem Gewächshaus. Vor mir lange Tischreihen mit großen grauen Kisten. In den Kisten tausende kleine quadratische Erdwürfel, wie Bauklötze. Und in jedem Würfel ein winziges Pflänzchen. Manche haben zwei Blätter, viele nur eines. Ich kann ehrlich gesagt nicht sagen, was hier wächst.
Tina Zurek:
Die schönste Zeit wirklich, jetzt hier im Frühling, wo sozusagen der Kindergarten voll ist und man mit den Kindern im Prinzip entdecken kann, was denn aus der jeweiligen Pflanze wird, die hier nur ganz klein zu sehen ist und zwei Blättchen hat.
Sebastian H. Schroeder:
Das ist Tina Zurek. Sie zeigt mir, wie sich die einzelnen Pflanzen unterscheiden lassen, wenn man weiß, wo man hinschauen muss.
Tina Zurek:
Und damit ich als Gemüsegärtnerin das erkenne, was es denn ist, schaue ich mir immer an auf den Spitzen von den Blättern ist noch die Schale vom Saatgut. Könnt ihr das sehen?
Sebastian H. Schroeder:
Tina erkennt jeden Keimling an Blatt und Schale des Samenkorns.
Tina Zurek:
Genau, die Zwiebelgewächse sind alle einkeimblättrig und zum Beispiel die ganzen Gemüse, die die Kinder herkömmlich kennen, also Paprika, Tomate, Aubergine, die sind zweikeimblättrig.
Sebastian H. Schroeder:
Was haben wir denn da vorne? Geschlängelt?
Tina Zurek:
Ja, das wundert mich gerade. Es könnte Ingwer sein, ich bin nicht ganz sicher.
Sebastian H. Schroeder:
Und wenn sie doch mal was nicht weiß, dann macht sie das, was sie sich auch von den Kindern wünscht. Nachfragen, anstatt zu raten.
Tina Zurek:
Aber da müssten wir die Gärtner gleich nochmal fragen.
Sebastian H. Schroeder:
Wir sind auf dem Gut Wulksfelde vor den Toren Hamburgs. Hierher kommen Schulklassen, um zu sehen, was in der Landwirtschaft rund um die Stadt tatsächlich alles so wächst und wie. Tina und ihre Kolleg:innen koordinieren diese Besuche, nicht nur hier, sondern auf insgesamt 15 Höfen in der Region. Tina möchte Kinder und Jugendliche erreichen, denn die wissen häufig nicht mehr, woher ihr Essen kommt. Und sie macht das, weil sie überzeugt ist, dass nur, wer das im echten Leben mal spürt und sieht, in der Zukunft auch bereit ist, Veränderungen mitzutragen, auch wenn sie im ersten Moment ungewohnt sind. Aber sie stößt dabei auf pädagogische Konzepte, die lieber Köpfe in Schulheften sehen möchten als Hände in der Erde. Daher setzt sie sich dafür ein, dass junge Menschen das, was sie hier auf dem Hof lernen, in der Schulkantine erfahren können.
Tina Zurek:
Hier in Hamburg geht es um 19 Millionen Essen pro Jahr, die wir verändern könnten, statt zu sagen, Du, Peter, Greta und Marie, ihr esst doch jetzt bitte kein Fleisch.
Sebastian H. Schroeder:
Seit 30 Jahren arbeitet sie kontinuierlich daran, Ernährungsbildung voranzutreiben, Kantinen zu verändern. Alles mit einem großen Ziel vor Augen.
Tina Zurek:
Innerhalb der Struktur zu schauen, dass wir Konsense schaffen, die eben nicht so stark sind, dass wir Leute dabei verlieren.
Sebastian H. Schroeder:
Wie sie das schaffen möchte und vor allem, wie sie zu dieser Ansicht gekommen ist, das erfahren wir heute. Ihr hört Foodsteps: Nachhaltigkeitsstorys aus dem Bundeszentrum für Ernährung. Mein Name ist Sebastian H. Schroeder, und dieser Podcast ist produziert von Subtext Stories. Folge 11: Mit Körnern, Kindern und Kantinen.
Auf Gut Wulksfelde ist alles zum Hautnah erleben. Das Gut ist zwar ein in Anführungsstrichen ganz normaler Produktionshof mit Feldern, Hühnern, Backstube, Hofladen und vielen anderen Dingen. Aber es ist eben auch ein Ort, an dem regelmäßig Kinder lernen, wie Landwirtschaft funktioniert. Und ich heute auch.
Tina Zurek:
Also jetzt sind wir hier bei den Schweinen gelandet. Wenn wir mit den Kindern in der Backstube waren, gehen wir dann oft noch zu den Schweinen, weil Schweine sind für uns wichtige Verwerter in diesem Gedanken, dass wir alles ja gerne nutzen wollen.
Sebastian H. Schroeder:
Am Beispiel mit den Schweinen erklärt Tina einen Kreislauf. Korn wächst auf den Feldern, wird geerntet und gemahlen und dann zu Brot verbacken. Und das Brot, was dann nicht verkauft wird, wird dann zum Beispiel an die Schweine verfüttert. Und deren Mist, der geht dann zurück auf die Felder. Das ist dann eine Kreislaufwirtschaft, ein Prinzip ökologischer Landwirtschaft.
Tina Zurek:
Und dann ist auch das Thema Schlachtungen sozusagen ein Thema, was wir mit denen besprechen, weil das sind ja keine Zootiere. Und viele Kinder, die verstehen das erst hier auf dem Bauernhof, dass das natürlich ein Unterschied ist, ob die Tiere im Zoo gehalten werden oder eben für die menschliche Nutzung oder den menschlichen Verzehr. Achtung, gehen wir hier hoch.
Sebastian H. Schroeder:
Wenn man die Schweine hier anschaut, scheinen sie ein glückliches Leben zu führen. Es gibt hier eine Menge Platz, Spielsachen und große Mengen Stroh und sogar eine eigene Schweinedusche. Aber dennoch, es sind eben Nutztiere und die landen auf dem Teller. Auch auf dem der Kinder, wenn sie mittags in der Schule essen. Und auch Schulessen ist ein Punkt, um den es Tina seit vielen Jahren geht. Anfang der Nuller Jahre löst die weltweite PISA-Studie einen Schock in der deutschen Bildungspolitik aus. Es wird flächendeckend der Ganztag beschlossen. Und plötzlich müssen Millionen von Schülerinnen und Schülern mittags versorgt werden. Wie das geht, weiß damals aber niemand so richtig. Tina ist mittendrin.
Tina Zurek:
Genau, das war ein Forschungs- und Entwicklungsvorhaben, das war 2003 bis 2005. Und seitdem beschäftige ich mich mit dem Thema, wie kann man die Verpflegungssysteme auch optimieren.
Sebastian H. Schroeder:
Tina arbeitet damals und auch bis heute beim Ökomarkt e. V. Das ist ein kleiner Verein in Hamburg, dessen Team dafür kämpft, dass der ökologische Landbau bekannter wird. Und genau dieser Verein bekommt 2003 vom Bundesprogramm Ökolandbau ein Forschungsprojekt. Was kann man aus Kita-Küchen lernen, das in Schulkantinen funktioniert? Denn in Kitas war die Verpflegung schon länger gang und gäbe.
Tina Zurek:
Und da habe ich ganz viel über Schulverpflegung gelernt. Also Schulverpflegung ist total anders als Kita-Verpflegung. Die Kinder konnten damals selber entscheiden, ob sie zum Essen gehen. In der Kita tust du das nicht. Eine Kita-Verpflegung funktioniert das ganze Jahr durch, weil die Kita höchstens zwei Wochen Schließzeiten hat. Schulverpflegung hat drei Monate Pause richtig, weil die Pausenzeiten ja sind. Das ist also für die Caterer anders. Dann geht es darum, wie sieht ein Menü aus für Kinder. Also ist das immer mit Salat, ohne Salat, mit Wasser, ohne Wasser? Was muss der Caterer berechnen? Wie funktioniert das? Also Schulverpflegung ist sehr komplex und sehr anders.
Sebastian H. Schroeder:
Und dann ist da noch das eigentliche Problem.
Tina Zurek:
Also es ging immer auch darum zu sagen: wie kommen wir raus aus einem sehr schlechten Angebot, ehrlich gesagt.
Sebastian H. Schroeder:
Das hört sich heute härter an, als es von Tina gemeint ist. Sie beschreibt damit eine Realität, die in fast jeder Schulkantine Anfang der 2000er normal war. Viele Gerichte waren vorgefertigt und wurden aufgewärmt. Salat war vorportioniert und häufig war sogar das Dressing schon mit drin. Caterer haben Schulen genauso beliefert wie Krankenhäuser oder Pflegeheime. Am Ende des Tages landete alles, was übrig war, in der Tonne. Niemand hatte eine spezielle Erfahrung mit dem, was Kinder eigentlich gerne essen oder essen sollten. Wie so oft folgte die Verpflegung jener Tage einer Kostenlogik. Schulessen muss billig sein. Da hat man an Bio gar nicht erst gedacht.
Tina Zurek:
Wir haben uns immer dafür eingesetzt, dass das Essen zuerst ausgewogen ist und im zweiten Schritt ökologisch, sage ich jetzt mal so.
Sebastian H. Schroeder:
Statt Bio-Produkte auf den Speiseplan zu zwingen, geht Tina erst mal ganz pragmatisch vor.
Tina Zurek:
Das heißt, in der Schulverpflegung war der allererste Schritt, den wir transformiert haben, dass es gelungen ist, Salatbars einzuführen, die frische Produkte hatten und die, wo die Kinder sich frei nehmen konnten. Weil der Salatkonsum, wenn die Kinder sich selber den Salat nehmen, enorm steigt, im Gegensatz zu der Situation, dass sie ein vorgefertigtes Schüsselchen, am besten auch noch angemacht, vorgesetzt kriegen.
Sebastian H. Schroeder:
Eine scheinbar kleine Veränderung mit großer Wirkung. Mehr Salat im Kind, was ich mir als Vater ja sowieso nur wünschen kann, und gleichzeitig weniger Abfall in der Tonne.
Tina Zurek:
Das hat aber acht Jahre gedauert, bis wir dahingekommen sind, dass alle Kitas, äh, alle Schulen, Grundschulen vor allen Dingen, damit ausgestattet waren.
Sebastian H. Schroeder:
Aber wenn Salatbars schon acht Jahre dauern, wie viel Veränderung ist dann überhaupt, ich sag mal, in einer Lebenszeit möglich? Aus dem gesamten Projekt hat Tina vor allem eine Erkenntnis mitgenommen, dass die strukturellen Probleme, was Küchen und Kantinen angeht, genauso bearbeitet werden müssen wie Lieferketten und Warensysteme. Sie sagt, es hängt immer davon ab, dass Personen zusammenkommen, die eine Veränderung versuchen wollen. Engagierte Lehrer:innen, eine offene Schulleitung, mutige Caterer. Und wenn dann auch das Timing stimmt, so wie 2013, dann kann Großes passieren.
Tina Zurek:
Und ich hatte die große Chance 2013, als die IBA hier war in Hamburg, also internationale Bauausstellung mit einer Schule und einem progressiven Schulleiter dieses Freeflow-System auszuprobieren.
Sebastian H. Schroeder:
Freeflow funktioniert fast wie Salatbars, weg von fertig zusammengestellten Gerichten, die noch über die Theke gereicht werden hin zu einzelnen Stationen. Also hier das Gemüse, dort Kartoffeln, da dann Reis oder Nudeln und schließlich dann ein Stück Fleisch oder Fisch. Das Kind entscheidet, was auf den Teller kommt und wie viel davon. In Unimensen oder Betriebskantinen funktioniert das schon seit Jahren, aber für Schulkinder galt es lange als zu kompliziert, zu chaotisch, zu langsam, zu viel Selbstverantwortung.
Tina Zurek:
Und das hat sozusagen geklappt, dass wir es in einer Schule etabliert haben. Dann hatte ich eine Chance, das anderen zu zeigen und andere dafür zu gewinnen.
Sebastian H. Schroeder:
Der Erfolg dieses Testlaufs hing maßgeblich davon ab, dass diese eine Schule eine geeignete Produktionsküche hatte. Nur so konnte ein vielfältiges Angebot auf die Teller kommen. Dazu kam, dass in Hamburg im Jahr 2016 etwas Besonderes passiert ist.
Tina Zurek:
2016 gab es den Volksentscheid für andere oder bessere Schulküchen.
Sebastian H. Schroeder:
2016 stimmen die Hamburgerinnen und Hamburger ab. Für eine bessere Schule, für besseres Schulessen. Und mit dem Volksentscheid kommt der politische Hebel, auf den Tina seit inzwischen 13 Jahren gewartet hat. Und so
Tina Zurek:
konnte diese Küchenstruktur, also eine frisch kochende Küche, eine Produktionsküchenstruktur, die wir Vitalküche nennen, plus dieses Freeflow-System als grundlegende Struktur in den meisten Neubauten in Hamburg eingeführt werden.
Sebastian H. Schroeder:
Wenn in Hamburg Schulen gebaut wurden, saß Tina mit am Tisch und noch heute berät sie bei Fragen.
Tina Zurek:
Und das bedeutet, dass wir es geschafft haben, weg von einer Situation zu kommen, wo im Prinzip aufgrund der beschränkten Küchenstruktur nur Warmverpflegung funktioniert oder nur Groß-Caterer, sondern wir haben jetzt viele dezentrale Systeme und Hamburg ist eine der wenigen Städte, wo wir 50 Caterer haben, die auch um eine bestimmte, also die um die Schulen sich sozusagen streiten müssen, wer darf in welcher Schule wirtschaften. Weil jedes Jahr die Schule den Caterer wechseln kann und damit wird die Qualität sozusagen relativ hochgehalten.
Sebastian H. Schroeder:
Statt ein paar wenigen Groß-Caterern, die ganz Hamburg beliefern, gibt es also 50 verschiedene, die meisten sogar Bio-zertifiziert. Aus denen können die Schulen wählen, was ihnen am besten schmeckt. Aus einer Salatbar ist über die Zeit ein System geworden.
Zurück auf den Hof. Wir gehen in eine große, offenstehende Scheune. Ein großer Raum, rechts eine Reihe silberner Meter hoher Silos. Mehr sehe ich auf den ersten Blick erstmal nicht.
Tina Zurek:
Und wir schauen dann meist auf den Boden, um unten zu sehen, dass auf dem Boden eben noch Getreidekörner liegen.
Sebastian H. Schroeder:
Sie hebt dann so eine kleine schwarze Matte hoch und darunter ist ein Gitter, ein Fallgitter. Und überall drumherum ist der Boden gesprenkelt mit einzelnen Körnern.
Tina Zurek:
Und in diesem Gitter wird sozusagen der große Hänger abgekippt, der steht also, kommt rein in die Scheune gefahren und dann fährt man, kippt er sich schräg nach rechts zur Seite. Das Getreide landet in diesem unteren Silo und wird über eine Förderschnecke hochgefahren. Und für die Kinder ist es toll, nachzuvollziehen, wo geht denn das Getreide wohl über die Schnecke, in welchen von den fünf, sechs Silos, die man sehen kann, landet das denn? Und für mich ist immer ganz wichtig, dass die Kinder verstehen, dass wir auf dem Bauernhof ja einmal im Jahr oft ernten und dann dafür auch sorgen, dass das Getreide, was geerntet wurde, das ganze Jahr verfügbar ist. Eigentlich ist das doch Hexenwerk.
Sebastian H. Schroeder:
Naja, da hat sie sich schon irgendwie recht. Da macht man sich irgendwie wenig Gedanken drum. Ich zumindest. Aber klar, im Sommer wird einmal geerntet, aber frisches Brot und Brötchen möchte ich ja auch im Winter essen. Also muss das Korn irgendwie gelagert werden. Und das machen sie hier, bis sie es brauchen, um es dann frisch zu mahlen.
Tina Zurek:
Hallo, wir sind, ich bin Tina und ich wollte nur fragen, wo wir ein Haarnetz kriegen können.
Sebastian H. Schroeder:
Ja. Wir sind jetzt in der Backstube vom Gut Wulksfelde. Hier werden 5.000 bis 6.000 Brote am Tag gebacken. Also keine Kleinigkeit. Nur um mal den Vergleich zur Apenburger Landbäckerei aus Folge 9 zu wagen, dort werden pro Nacht circa 400 Brote gebacken. Nur so, fürs Verhältnis. Und hier gibt es natürlich auch alle möglichen Sorten, von Vollkornbrot bis Ciabatta. Aber trotz dieser riesigen Dimensionen, die Kinder dürfen hier mitmachen.
Tina Zurek:
Hier oben können die Kinder, vielleicht kommst Du einmal mit. Also man kann hier einen Drehknopf betätigen und dann kann man entweder Weizen, Roggen oder Dinkel anfordern für die Mühle. Und das ist auch ein Geheimnis, weswegen man so viele verschiedene Brotarten hier backen kann. Weil man im Prinzip nicht ein fertiges Mehl hat, sondern auch zum Beispiel ein gröberes Mehl dann. Oder eine gröbere Verarbeitung machen kann.
Sebastian H. Schroeder:
Überall auf dem Hof lädt Tina die Kinder ein, mitzudenken oder auch mitzumachen. Und das nicht nur aus dem Selbstzweck, sich zu beschäftigen. Tina verfolgt ein klares Ziel. Sie möchte den Kindern zeigen, wie viel Arbeit in den Lebensmitteln steckt, die sie zu Hause im Supermarkt oder in der Bäckerei kaufen können.
Tina Zurek:
Und das ist so ein Ziel von mir auf jeden Fall, das Kindern und Jugendlichen mitzugeben, damit sie raus kommen aus dieser Trägheit: Klar ist ja für mich immer alles da, auch im Lebensmitteleinzelhandel. Klar will ich jeden Tag immer das allerfrischeste Brot haben und so weiter. Wie viele Klimmzüge man machen muss, damit was funktioniert, das sieht man auf jeden Fall in so einer komplexen Situation.
Sebastian H. Schroeder:
An der Stelle muss ich mir natürlich auch an die eigene Nase packen. Als Konsument bin ich ganz schön verwöhnt und genieße das auch. Aber Tina wäre nicht Tina, wenn sie es dabei beließe, vor Ort ein Problem aufzuzeigen. Stattdessen motiviert sie Kinder und Lehrer:innen, auch über den Hof hinaus weiterzumachen, um das Gelernte in die Schule und in die Elternhäuser hineinzutragen. Ein Beispiel.
Tina Zurek:
Ein sehr engagierter Lehrer hatte eine Umweltgruppe, da haben sie schon dann Recyclingpapier verkauft und Fairtrade-Schokoladenriegel eingeführt.
Sebastian H. Schroeder:
Und dann kamen sie zu Tina auf den Hof. Sie hatten im Religionsunterricht über den Umgang mit Tieren in unterschiedlichen Glaubensrichtungen diskutiert und wollten sich jetzt ein Bild machen,
Tina Zurek:
wie die konventionell und wie die ökologisch gehalten werden. Und dann haben wir diskutiert, und was würdet ihr denn jetzt in der Schulkantine ändern wollen? Und dann haben die sich überlegt, die würden am allerliebsten Bio-Eier einführen, weil sie die Hühner sozusagen als so zutraulich und nett erlebt haben und für die das so eine emotionale Nähe war zu diesen Tieren, die sonst ja auch in Käfigen damals noch gehalten wurden, also Käfighaltung.
Sebastian H. Schroeder:
Und diese Erfahrung hat zu einer Idee geführt
Tina Zurek:
Und diese Klasse hat dann einen Infostand gemacht in der Schule und hat den anderen erklärt, woran man erkennt, dass es ein Bio-Ei ist, was die Besonderheiten sind. Die haben Bio-Eier gekocht und verkostet. Und die standen einfach da mit zwei Klapptischen, einer Metaplanwand und standen da und haben den anderen das erklärt und haben den Schulleiter und eben den Caterer mit dazu geholt und haben gesagt, können wir das nicht machen, dass wir für drei Monate mal ausprobieren, ob es Bio-Eier geben könnte. Die waren damals wirklich auch viel teurer, also fast 100 Prozent teurer. Und dann hat der Caterer gesagt, okay, das probieren wir, aber die ersten zwei Tage müsst ihr mithelfen zu verkaufen und den Kindern das mit zu erklären.
Sebastian H. Schroeder:
Ja, und dann haben die das gemacht. Und ab diesem Zeitpunkt gab es eben Bio-Eier in der Schule. Wenn ich Tina zuhöre, dann denke ich mir, es geht darum, die Verpflegung an Schulen zu verändern, zu verbessern, okay. Aber: Warum müssen Kinder an Klapptischen was erklären, damit Schulleitung und Caterer etwas verstehen? Warum müssen Kinder das tun? Das muss doch direkt von oben kommen. Mehr Gemüse, weniger Convenience, zack, mehr Bio, fertig. Oder?
Tina Zurek:
Also, wir hatten einen Soziologie-Professor, der mit uns viel über Transformationen, Veränderungen unserer Gesellschaft gesprochen hat. Wir müssen wieder da jetzt 30 Jahre zurückdenken. Die Grünen gab es so kaum, man hat noch keine Diskussion über Anti-Atomkraft-Bewegungen gehabt und so weiter.
Sebastian H. Schroeder:
Tina spricht über die frühen Neunziger. Da studiert sie gerade in Hannover, Gartenbau und Landschaftsplanung.
Tina Zurek:
Damals wusste man gerade, dass es sauren Regen gibt. Man hatte das, man hatte eine Horrorpädagogik. Man hat also darüber geredet, dass der ganze Wald kaputt geht, alles versauert, wir sterben werden, weil es nicht mehr genug Sauerstoff gibt. Also, es gab ganz viele schlimme Szenarien, und das habe ich in mir drin immer innerlich abgelehnt.
Sebastian H. Schroeder:
Für sie ist Umweltschutz nicht zuletzt wegen ihres Studiums damals trotzdem schon ein brennendes Thema. Und auch wenn Tina diese Weltuntergangsszenarien nicht teilt, sie hat eine klare Meinung, was passieren muss.
Tina Zurek:
Ich habe gesagt, wir müssen, brauchen härtere Gesetze, wir müssen gucken, dass wir zu Not einen Spritpreis von 5 Euro durchsetzen, damit die Leute nicht mehr so viel Auto fahren. Wir müssen sehen, dass im Prinzip die Rechte von Natur und Umweltschutz gestärkt werden in unserer Gesellschaft, sonst geht das hier alles den Bach runter.
Sebastian H. Schroeder:
Diese Haltung verteidigt sie auch in einer mündlichen Prüfung gegenüber ihrem eben genannten Soziologie-Professor.
Tina Zurek:
Und als ich sehr stark plädiert hatte für, wir brauchen Gesetze und Regeln und so weiter, fragte er mich, wollen Sie eine Öko-Diktatur, Frau Zurek oder wie wollen Sie das denn erreichen? Und das war ein Auslöser für mich, einfach sehr doll nochmal für mich darüber nachzudenken, was brauchen wir denn wirklich? Brauchen wir einen gesellschaftlichen Konsens oder brauchen wir wirklich diesen Staat, der von oben das nach unten durchdrückt?
Sebastian H. Schroeder:
Und diese Frage beschäftigt Tina einige Zeit. Eigentlich hatte sie einen starken Staat gewollt, der Maßnahmen umsetzt. Sonst, da war sie sich sicher gewesen, würde sich nichts ändern. In dieser Zeit hatte man bis dahin andere Modelle der Klimakommunikation probiert. Aber das hatte wenig verändert.
Tina Zurek:
In der Wissenschaft hat man sich total lange darüber gestritten, welches Modell denn relevanter ist, statt dass man politische Handlungsempfehlungen entwickelt hat. Und man hat zeitgleich dasselbe gehabt, was wir leider im Ernährungsbereich auch hatten. Man hat das Problem individualisiert. Also man hat gesagt, du darfst nicht fliegen, du darfst kein Fleisch essen und so weiter. Das heißt, man hat das Problem individualisiert statt auf die Struktur zu schauen. Und durch diese Individualisierung sind ganz viele Leute eingestiegen und haben aber gemerkt, also ich fliege nicht, ich fahre kein Auto, ich esse nicht und trotzdem wird das Klima nicht besser. Also merken sie selber nicht den Erfolg nach vorne gedacht.
Sebastian H. Schroeder:
Und dennoch hatte ihr Professor einen Punkt. Wer verordnet, der schafft vielleicht eine Lösung. Aber eine Lösung ist eben nicht gleichbedeutend mit Akzeptanz. Die muss eben auch stimmen. Also weder von oben verordnet noch beim Einzelnen abgeladen. Tina sucht inzwischen dazwischen und findet diesen Weg in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
Tina Zurek:
Ich wollte irgendwas finden, wenn man mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, dass man denen nicht erzählt, was alles schlecht ist, sondern dass man denen was erzählt oder zeigt, was gut ist. Ich glaube, wir können nur am positiven Beispiel motivierend mit Menschen arbeiten. Und das ist was, wo ich gedacht habe, da müssen wir bei den Kindern anfangen, weil wir können jetzt nicht hoffen, dass die sehr alten Menschen noch einsteigen auf diesen Gedanken. Aber die Chance, Kinder zu erreichen und die mitzunehmen in diese große Freude, was die Natur uns schenkt, was wir an lebenswerten Ressourcen haben, wieso es wichtig ist, den Boden zu erhalten und so weiter.
Sebastian H. Schroeder:
Das war für sie die Motivation, dann in den Bereich der Schulen und Kommunikation über Ernährung einzusteigen.
Tina Zurek:
Im Bereich Ernährung kann jedes Kind ab Klasse 1 oder sogar im Kindergarten schon für sich entscheiden, so ungefähr, das esse ich und das esse ich nicht. Und diese Idee, denen eine Idee für ihr zukünftiges Ernährungsverhalten in den Kopf zu geben, bedeutet ja nicht, dass ich denen vorschreibe, was sie essen müssen. Aber ich habe was, dass ich denen positiv anbieten kann als eine Lösung für ihre eigene Lebenswelt und Umgebung.
Sebastian H. Schroeder:
Was mich an Tina beeindruckt, ist, sie macht eigentlich zwei sehr verschiedene Sachen gleichzeitig. Sie zeigt Schulkindern, wie man anhand einer winzigen Schale am Ende eines Blattes erkennen kann, was da wohl wachsen wird. Und auf der anderen Seite sitzt sie mit dem Schulbauamt und Architekten an einem Tisch und setzt sich für bessere Schulküchen ein. Und dabei ist sie niemals von oben herab belehrend oder ideologisch. Es geht bei ihr nicht darum, dass man kein Fleisch mehr essen kann, sondern nur: Macht es, aber bewusst. Denn was sie ist, sie ist sehr pragmatisch, geduldig und ich finde auch zuversichtlich.
Tina Zurek:
Und das ist diese Akzeptanz, von der ich spreche. Also mir geht es nicht darum, dass der Einzelne sagt, ich esse zu Hause überhaupt gar kein Fleisch mehr oder ich kaufe mir nur Bio-Produkte, sondern es geht darum, dass man versteht, wenn eine Veränderung in der Schule stattfindet, wo die herkommt. Und dann können viele mehr Leute die tragen, als einfach nur dagegen zu bollern.
Sebastian H. Schroeder:
Dagegen bollern oder mittragen? Das ist Tinas Frage seit 30 Jahren. Und sie hat sich entschieden, lieber langsam viele mitzunehmen, als schnell wenige zu überzeugen. Wie das geht, das habe ich heute hier auf dem Hof erfahren. Eine Sache hat mir Tina aber noch erzählt, eine ihrer Lieblingsaktionen, und ich verstehe auch warum. Da steckt gebündelt all das drin, was sie versucht, mit ihrer Arbeit umzusetzen. Tina nimmt immer im Frühjahr mit Schulkindern Kräuter aus dem Gewächshaus, pflanzt sie in kleine Töpfe ein und die Kinder dürfen dann die Sprösslinge mit nach Hause nehmen. Aber nicht einfach so: Tina erklärt ihnen vorher, was die Pflanze braucht: Wasser, Licht, einen Unterteller, damit es daheim keinen Ärger mit den Eltern gibt. Und dann hat sie noch eine kleine Bitte an die Lehrerinnen und Lehrer.
Tina Zurek:
Wenn ich der Lehrerin dann sage, macht doch, wenn's geht, schreibt mir doch bitte in zwei Wochen, wie es euren Pflanzen geht. Dann ist es so, dass plötzlich für so ein Grundschulkind, zweite Klasse, dritte Klasse, dieses Schreiben eine ganz andere Bedeutung bekommt. Die machen dann nicht das Arbeitsblatt 25 für die Lehrerin, sondern die schreiben Tina, mit der sie ja einen Kontakt hatten, wie das jetzt ist. Und dadurch wird schreiben irgendwie wichtig und ich habe gesagt, ihr könnt auch was malen, aber noch toller ist, wenn ihr mehr einen Satz darunterschreibt, wie es der Pflanze geht. Und da gibt es wirklich die, die auch manchmal dann schreiben, ist leider kaputt gegangen, ich habe nicht gegossen. Die anderen schreiben, die ist jetzt 7,5 cm gewachsen. Und die dritten, die wirklich total hübsch mir das malen. Mir geht es aber gar nicht um den Erfolg oder Misserfolg, sondern nur, dass Schule Anschluss an das Leben bekommt und die Kinder eine Ernsthaftigkeit darin sehen, dass sie mir was mitteilen wollen.
Sebastian H. Schroeder:
Das klingt banal. Aber Tina sagt, es geht dabei noch um was Grundsätzlicheres.
Tina Zurek:
Kinder haben ganz sensibles Gespür, ob sie nur Pädagogik machen für den Pädagogen oder ob es was wirklich mit denen zu tun hat. Und dieses zu tun haben, das ist eigentlich das, was ich glaube, was wir brauchen. Die müssen sich für ihre Pflanze einsetzen, die können sich für ihre Schulkantine einsetzen und später für die Welt. Und das müssen wir ihnen aber schon mal vorleben, dass wir sie so ernst nehmen, dass wir wollen, dass sie sich beteiligen. Und diese Räume, sich zu beteiligen, werden immer kleiner, weil man einfach nur Teil vom System ist. Aber wenn sie spüren, man hat ein Interesse und man will was in Kontakt mit ihnen sein. Dann spüren Kinder auch eine Ernsthaftigkeit, die sie einem wieder geben. Und das ist der Respekt, den meiner Meinung nach viele Lehrkräfte verpassen, zu bekommen, wenn sie einfach nur ein Schema F machen und eben nicht richtig im Dialog und in Kontakt mit den Schüler:innen sind.
Sebastian H. Schroeder:
Die Zehnjährigen von heute, die gehen in zehn Jahren vielleicht das erste Mal für sich selbst einkaufen. Und in nochmal zehn Jahren entscheiden sie dann, was sie ihren Kindern zu essen geben. Das ist die Form von Geduld, die Tina hat in ihre Bildung für Nachhaltigkeit. Das ist groß. Ich gebe zu, bevor ich zu Tina gefahren bin, hatte ich ein bestimmtes Bild im Kopf, was Ernährungsbildung sein könnte. Vielleicht ein Schaubild mit Zuckerwürfeln in einer Cola, vielleicht eine Kampagne, die einem ein schlechtes Gewissen macht. So wie ich es auch von meinen Kindern aus der Schule kenne, beziehungsweise wie ich es meinen Kindern selbst auch vermittelt habe. Es ist ja häufig leichter zu sagen, was man nicht machen soll, also lieber nur ein Stück Schokolade als eine ganze Tafel. Was Tina aber macht hier, das ist etwas ganz anderes. Sie sagt, schau her, das ist eine Banane und das ist ein Apfel. Der Apfel wächst hier auf dem Hof, die Banane kommt aus Südamerika. Beides kannst du super essen und beides ist lecker. Und dann lässt sie die Kinder auf dem Hof selbst mal arbeiten und entscheiden, was für sie und für unsere Umwelt gut ist. Und erstaunlicherweise entscheiden sich die Kinder dann meistens für die Äpfel, und zwar ohne das da suggestiv nachgeholfen wird. So wie ich das hier gerade gemacht habe. Anschließend hilft sie ihnen dabei, das Gelernte im Alltag, also in der Schule und auch zu Hause, umzusetzen und zu vertreten. Wie bei den Bio-Eiern. Da nehmen die Kinder dann auch noch andere mit, Mitschüler:innen, Lehrer:innen, die eigenen Eltern. Ich als Vater kann mir nur wünschen, dass Tinas Ansatz bundesweit Schule macht. Denn wenn ich heute eines gelernt habe, dann, dass ich diese Erfahrung von hier nicht meinen Kindern beibringen kann. Sie müssen es selbst erleben. Und dann? Kann ich etwas von ihnen lernen.
Tina Zurek:
Also, in
Sebastian H. Schroeder:
Auf Gut Wulksfelde arbeitet Tina übrigens nicht nur mit Kindern. Für sie ist die Arbeit mit Lehrerinnen und Lehrern ebenso wichtig. Das Schöne ist, man spürt keinen Unterschied in der Art, wie sie mit ihnen spricht.
Tina Zurek:
In diesem Schüsselchen seht ihr verschiedenes Saatgut. Und es gibt welches, was ihr bestimmt erkennt, weil ihr ja normal gebildete, schlaue Menschen seid. Und es gibt vielleicht auch Saatgut, was man nicht so erkennt. Aber jedes Korn ist wichtig. Nicht so tun, als ob die Kleinen unwichtig wären, okay? Also, ihr habt zu maximal viert eine von diesen Schüsseln. Ihr könnt die gegebenenfalls auskippen und sortiert die erstmal, dass alle Körner, die gleich sind, an einem Fleck sind. Und da müsst ihr euch einigen, dass die Saaten, die gleich sind, auf einer Stelle liegen. Okay? Einfach, verstanden?
Sebastian H. Schroeder:
Das nächste Mal bin ich im Havelland. Dort besuche ich den Fischer Wolfgang Schröder.:
Wolfgang Schröder:
Süßwasserfisch ist erstmal aus den Köpfen verschwunden. Die Leute können damit nicht umgehen. Sobald da eine Gräte drin ist, ist das ein Problem.
Sebastian H. Schroeder:
Er fischt und vermarktet den Fisch, der für viele andere Beifang ist.
Wolfgang Schröder:
Ich kann eben keinen Fisch in die Tonne schmeißen. Das kann ich nicht. Vom Wesen her, weil das ist für mich ein Lebensmittel. Du musst eben alles, was aufwächst und du willst ihn ordentlich bewirtschaften, musst du das alles mitnehmen und auch verarbeiten.
Sebastian H. Schroeder:
Aber weil viele sich eben auf Karpfen, Forellen, Aal oder Zander konzentrieren, sind seine Brassen unheimlich schwer vermarktbar. Wie er das macht, hat er mir bei einer Ausfahrt auf seinem See erzählt. Das und mehr nächstes Mal bei Foodsteps: Nachhaltigkeitsstorys aus dem Bundeszentrum für Ernährung. Produziert von Subtext Stories. Ein großer Dank geht heute an Tina Zurek. Mitgewirkt an dieser Folge hat vom Bundeszentrum für Ernährung Jessica Glieze. Redaktion von Subtext Stories, Felix Epstein-Adam und ich. Mein Name ist Sebastian H. Schroeder und ich freue mich schon auf das nächste Mal.
