Textversion Audio "Foodsteps" – Folge 8

Zwischen Müsli, Müll und Miteinander

Eine Mann und eine Frau unterhalten sich. © BLE

"Foodsteps" Folge 8: Zu Besuch bei LiMa’s fairpackter Welt

Sebastian H. Schroeder:

Hi, Sebastian hier. Und was ihr da so klappern hört, das sind alte Weckgläser von mir und Marmeladengläser. Guten Morgen! Hallo? Hi!

Lisa Hagels:

Mit Mikro direkt ausgestattet hier.

Sebastian H. Schroeder:

Genau. Heute bin ich in Bonn zu Besuch in LiMa`s fairpackter Welt, einem Unverpacktladen.

Lisa Hagels:

Du bist ja schon des Öfteren unverpackt einkaufen gewesen, oder?

Sebastian H. Schroeder:

Das ist so. Ja, ich kenne Unverpacktläden. Ich war schon in einigen, ist aber eine ganze Weile her. Meistens gab es dort irgendwie Nudeln, Nüsse, Müsli, vielleicht noch Zahnputztabletten. Alles, was man eben unverpackt kaufen konnte. Das war so kurz vor Corona, während der ersten großen For-Future-Bewegung 2018/19. Ich hatte damals das Gefühl, irgendwie Teil von etwas zu sein. Doch viele dieser Läden gibt es heute nicht mehr. Die Motivation war gut. Die Realität offensichtlich eine andere. Der Unverpacktladen war eben leider kein vollständiger Einkauf. Er war gewissermaßen ein Umweg zum Supermarkt und deswegen bin ich heute hier. Ich möchte verstehen, was Lisa Marie Hagels, die Frau hinter LiMa`s anders macht. Warum es sie noch gibt.

Lisa Hagels:

So, dann erkläre ich dir mal, wie der Bums hier so läuft.

Sebastian H. Schroeder:

Ja, dann machen wir das mal. Mein Name ist Sebastian H. Schroeder und du hörst Foodsteps: Nachhaltigkeitsstorys aus dem Bundeszentrum für Ernährung. Produziert von Subtext-Stories. Folge 8: Müsli, Müll und Miteinander. 

Also, wo waren wir stehen geblieben? Ah ja. Lisa war gerade dabei, mir zu zeigen, wie das hier alles so läuft.

Lisa Hagels:

Genau, also wir haben hier im Eingangsbereich unsere Kundenkontrollwaage. Da kommt nicht der Kunde drauf, sondern das Gefäß. Kann man auch machen, dann müssen wir einmal vorher und nachher wiegen, gucken, was man in der Zwischenzeit gegessen hat. Genau, dann wird hier das Gewicht angezeigt und dann kannst du es entweder direkt aufs Gefäß schreiben oder wir haben auch Klebeband.

Sebastian H. Schroeder:

Dann nehme ich auch das Klebeband. Papierklebeband.

Lisa Hagels:

Papierklebeband, genau.

Sebastian H. Schroeder:

Und dann war ich erstmal beschäftigt. Parallel dazu kam ein anderer Kunde herein, den Lisa sofort mit Vornamen anspricht.

Lisa Hagels:

Hallo Martin!

Sebastian H. Schroeder:

Ja, ihr Laden ist kein anonymer Supermarkt, das merke ich sofort. Sie kennt hier praktisch jeden und jeder kennt sie, mit Hintergrundgeschichte und Lieblingsprodukten. Und umgekehrt genauso. Auch die Kundschaft möchte wissen, wer Lisa ist und wo ihre Produkte herkommen. So, ich spule hier, glaube ich, mal ein bisschen vor, denn die beiden unterhalten sich jetzt noch eine Weile, bis ich alle meine Gläser gewogen habe. So, jetzt aber.

Lisa Hagels:

So, deine Gläser haben Fahrscheine.

Sebastian H. Schroeder:

Jawohl.

Lisa Hagels:

Sehr schön.

Sebastian H. Schroeder:

Und dann geht es auch endlich los mit Einkaufen. Und ich bin gleich mal überrascht. Es scheint hier, direkt vornan, auf den ersten Blick alles zu geben: Getreide, Hülsenfrüchte, Nüsse, Gemüse und Obst, Milch, Joghurt, Brot, Klopapier. Ich brauche aber zunächst erstmal Mehl. Habt ihr 1050er Weizenmehl?

Lisa Hagels:

Nee, tatsächlich habe ich nur das 550 und das Weizenvollkornmehl.

Sebastian H. Schroeder:

Dann nehme ich jetzt, glaube ich…

Lisa Hagels:

Was wir aber haben, ist eine Getreidemühle. Ja, also wenn wir einmal hier rumgehen.

Sebastian H. Schroeder:

Ihr habt eine Getreidemühle.

Lisa Hagels:

Wir haben eine Getreidemühle, dieses schmucke Stück. 

Sebastian H. Schroeder:

Wow, ne? 

Lisa Hagels:

Genau. Die haben wir und dann haben wir hier ganz viele verschiedene Getreidesorten. Also wir haben Roggen, Nackthafer, Hafer, Emmer als Urkorn, Grünkern, Weizen, Buchweizen, Dinkel. Das heißt, wir können das auch im Mahlgrad von 1 bis 4 frisch mahlen.

Sebastian H. Schroeder:

Voll gut. Ja, das machen wir dann.

Lisa Hagels:

Das machen wir doch.

Sebastian H. Schroeder:

Ich weiß nicht, ob man das merkt, aber ich bin ganz schön begeistert.

Lisa Hagels:

Genau, dann kannst du es einmal hier oben reingeben.

Sebastian H. Schroeder:

Jawohl.

Lisa Hagels:

Supi. So, und dann jetzt wird's laut.

Sebastian H. Schroeder:

Und während ich da stehe und auf mein Mehl warte, mit dem Glas in der Hand, fällt mir auf, wie selbstverständlich sich das hier anfühlt. Lisa steht neben mir und hilft mir, mein Mehl zu mahlen. Aber irgendwie nicht als Verkäuferin, sondern eher wie eine Bekannte, die ich schon ewig kenne, obwohl ich ihr gerade das erste Mal begegnet bin. Es fühlt sich an, als würde ich nicht einkaufen, sondern halt hier meine Sachen zusammensuchen, die ich gerade brauche. Und dabei hätte sie eigentlich gute Argumente, hier richtig gut Werbung zu machen. Das Mehl kommt, genau wie die meisten Produkte hier im Laden, aus der Region. Lisa hat über Jahre ein großes Netzwerk aus Produzierenden und Vertreibenden gesponnen, die allesamt an die gleichen Ziele glauben: Regionalität, Nachhaltigkeit und eine hohe Produktqualität. Aber bis dieser Laden so funktionieren konnte, ist eine Menge Wasser den Rhein runtergeflossen, wie man hier in Bonn sagt. Wie viel Wasser es sein würde, das hat Lisa, glaube ich, so selbst nicht kommen sehen. Aber mal von vorne. Lisa Hagels ist Sozialarbeiterin, war es. Fast zehn Jahre lang in einer Kreisverwaltung in Nordhorn.

Lisa Hagels:

Also ich komme ja gebürtig aus Nordhorn.

Sebastian H. Schroeder:

Seit fünf Jahren arbeitet sie bereits in der Jugendgerichtshilfe und Familienhilfe. Die Arbeit macht ihr großen Spaß. Es ist sehr verantwortungsvoll und das mag sie. Aber sie ist eben auch sehr ausgelastet.

Lisa Hagels:

Also ich hatte zwei große Fälle zum Schluss, die wahnsinnig viel Kapazität gezogen haben. Und damit hätte ich mich 24/7 beschäftigen können. Dann hat man aber ja noch immer 80 bis 100 weitere Fälle, die zum Glück ruhig sind. Und da war ich an einem Punkt, wo ich gesagt habe, das möchte ich nicht mehr.

Sebastian H. Schroeder:

Lisa wohnte zu der Zeit in Lingen, fährt jeden Morgen 20 bis 30 Minuten mit dem Auto zur Arbeit nach Nordhorn. Und während einer dieser Fahrten, irgendwann 2018, passiert etwas.

Lisa Hagels:

Also tatsächlich war das einfach so eine konkrete Situation. Ich war damals auch, aber das müssen wir nicht weiter ausführen, in einer interessanten Beziehung. Und ich weiß noch, wie ich da im Auto saß und einfach das Gefühl hatte, ich kriege keine Luft mehr, dass ich dem nicht gerecht werden kann und dass ich für mich gucken muss und für mich eine Veränderung brauche. Und dann hatte ich eine ganz wilde Woche. 

Sebastian H. Schroeder:

Was heißt das genau? 

Lisa Hagels:

Naja, also ich hatte ein Einzelbüro und neben mir hatten zwei Kolleginnen ihr Büro und wir haben morgens immer zusammen Kaffee getrunken und ich hatte jeden Morgen eine andere Idee, was ich mit meinem Leben machen möchte.

Sebastian H. Schroeder:

Erst Freundinnen besuchen auf La Palma, drei Monate in Spanien jobben, dann mal weitersehen. Mittwoch wieder was Neues, aber die letzte Idee am Freitag, die hing irgendwie fest.

Lisa Hagels:

Und die letzte Idee, die ich quasi hatte, war, dass ich Schildkrötenbabys in Costa Rica retten möchte.

Sebastian H. Schroeder:

Ich weiß ja nicht, was ich dazu sagen würde. Ich sitze da und jeden Tag kommt eine langjährige Kollegin zu mir ins Büro und erzählt mir eine neue Geschichte, was sie demnächst alles machen wird. Klingt ein bisschen nach Midlife-Crisis oder Udo Jürgens: ich war noch niemals in New York. Aber es gab eine Person, die das alles sehr, sehr ernst genommen hat.

Lisa Hagels:

Mein bester Kumpel, den ich beim Jobcenter kennengelernt hatte, der kam zu mir dann ins Jugendamt zur Mittagspause und er war so, okay, was ist los, Lisa? Und ich sagte, ich muss dir jetzt was erzählen. Und dann habe ich ihm das erzählt und er hat dann einfach gesagt, okay, du machst das und du machst es jetzt riesengroß und ganz egal, welche finanziellen Hürden oder sonst irgendwas auf dich zukommt, du schaffst das. Du machst das. Du sparst jetzt jeden Cent und dann machst du diese Reise und gehst nach Costa Rica, Schildkrötenbabys retten oder was auch immer.

Sebastian H. Schroeder:

Ja, und das hat sie dann auch gemacht. Sie hat losgelegt. Noch in dieser Woche hat sie ihre Beziehung beendet und mit der Planung ihrer Reise begonnen. Und nur kurze Zeit später hat sie dann auch die nächste Stufe gezündet und ihre Arbeitsstelle gewechselt, von einer unbefristeten Stelle auf eine befristete Elternzeitvertretung.

Lisa Hagels:

Und das hat mich total entspannt. Also, es war total lustig, weil alle wollen ja immer einen unbefristeten Vertrag. Und als ich wieder im befristeten Verhältnis war, war das für mich, ich hatte auf einmal gedanklich wieder alle Möglichkeiten der Welt. Also es war vom Gefühl her, als würden mir alle Türen offenstehen.

Sebastian H. Schroeder:

Anfang 2019 war es dann soweit. Lisas Reise nach Costa Rica ging los. Allein, auf eigene Faust, nur mit ihrem Rucksack. Aber Lisa reiste mit einer Haltung. Sie war sich bewusst, dass ein Flug nach Südamerika große Mengen CO2 verbraucht. Daher und aufgrund der Tatsache, dass ihr Instagram-Feed in der Zeit der Reisevorbereitung immer mehr von Unverpackt Influencern geflutet wurde, hat sie begonnen, selbst Müll zu vermeiden. Um im Kleinen zu beginnen, diesen großen Berg CO2, den sie damit produziert, auszugleichen.

Lisa Hagels:

Ich habe vor der Reise schon angefangen, also durch den fairen Handel und so meine eigene Leidenschaft zum Kochen, habe dann für mich gedacht, ah ja, krass. Ganz schön viel Müll überall, so ganz platt gesagt.

Sebastian H. Schroeder:

Und so stellt sich Lisa selbst eine Challenge. Wenn etwas zu Ende geht, Zahnpasta, Shampoo, Seife, was auch immer, sucht sie keine konventionelle Alternative, sondern eine nachhaltige, und zwar jetzt ohne Verpackung. Und ab dem Moment, wo sie unterwegs war, mit noch einer weiteren Herausforderung.

Lisa Hagels:

Und ich habe mir quasi selber die Challenge auferlegt, dass ich auch eine nachhaltige Alternative vor Ort finde.

Sebastian H. Schroeder:

Was natürlich nicht immer ganz einfach ist.

Lisa Hagels:

Also ich war dann irgendwann im Amazonas und habe dann in einem kleinen Café festes Shampoo nur mit Inhaltsstoffen aus dem Amazonasgebiet gefunden. Dann gingen irgendwann meine Zahnputztabletten leer und ich habe dann eine Zahncreme gefunden, die hat fürchterlich geschmeckt. Aber sie war nachhaltig.

Sebastian H. Schroeder:

Was währenddessen aber auch passierte, war, dass andere Reisende sie ansprachen, warum sie jetzt beispielsweise so schlecht schmeckende Zahnputztabletten nutzen würde. Wieso Seife statt Duschgel, wieso festes Shampoo. Also fing sie an zu erklären. Und manche begannen danach selbst nachzudenken. Lisa wurde so, ohne es eigentlich zu wollen, zu einem Beispiel in ihrer eigenen Reise-Bubble. Nach knapp drei Monaten fand sich Lisa dann eines morgens in der Atacama-Wüste in Peru wieder. Auf einer Düne.

Lisa Hagels:

Und da habe ich eine Niederländerin kennengelernt im Hostel und wir sind dann morgens um sechs quasi zum Sonnenaufgang die Düne hoch. Also so die höchste Düne, die man da einfach hat, damit einem dann die Oasenstadt zu Füßen liegt. Das heißt, du gehst dann durch den, natürlich den, naja, morgens nicht mehr heißen Sand, aber arbeitest dich da den Sand quasi hoch auf die Düne und hatten da irgendwie einfach diese superschöne Szene mit der Oasenstadt und der Sonne, die hinter den anderen Dünen aufgegangen ist. Und sind einfach darüber ins Gespräch gekommen, was machst du eigentlich nach der Reise? Und ja, irgendwie kam für mich in diesem Moment die Idee, dass ich halt einfach ein Café aufmachen möchte mit Workshops und mit so einem sozialen Charakter. Und haben wir da einfach ewig gesessen und so Ideen gesponnen, wie das halt aussehen könnte.

Sebastian H. Schroeder:

Ein Café mit Workshops, mit sozialem Charakter, das ist die erste Form der Idee, es ist kein Ladengeschäft oder ein Unverpacktladen, sondern ein Raum, in dem Menschen zusammenkommen.

Lisa Hagels:

Ich habe mir natürlich auch herzlich über mich selber gelacht. Ja klar, ist ja was ganz Neues. Die deutsche Backpackerin kommt mit der Idee zurück, ein Café zu eröffnen. Herzlichen Glückwunsch. Deswegen, genau, ich glaube, ich hatte eher so die Sorge, dass es niemand ernst nimmt.

Sebastian H. Schroeder:

Aber irgendwie lässt sie dieser Gedanke eben auch nicht mehr los. Im normalen Reisealltag hat sie jedoch kaum Zeit, sich so viele Vorstellungen davon zu machen. Schließlich ist Reiseleben auch im Moment leben, und das ist, aus eigener Erfahrung, recht häufig auch stressig. Dieser Stress aber kam in Bolivien zu einem ungeplanten Halt. Sie lag flach. Zwei ganze Wochen lang mit einer Lebensmittelvergiftung.

Lisa Hagels:

Ja, ausgeknockt durch die Lebensmittelvergiftung, in Summe so circa 14 Tage, war eine harte Zeit, hatte ich halt auch viel Zeit für mich. Und da bin ich irgendwie ins Recherchieren gekommen und durch Zufall habe ich irgendwie so einen Blogbeitrag gefunden. Bei SmaticulaNet oder so, der wirklich hieß ganz platt, wie eröffne ich einen Unverpacktladen. Da habe ich gedacht, ja super, da steht ja schon alles.

Sebastian H. Schroeder:

Und damit war es um sie geschehen. In ihrem Kopf war die Sache beschlossen. Im Juni 2019 kommt Lisa zurück nach Europa und überrascht ihren Bruder mit dem Entschluss, dass sie zu ihm nach Bonn ziehen würde. Sie war ein paar Mal in Bonn zu Besuch gewesen, nicht mehr, aber das reichte. Zurück nach Lingen in ihr altes Leben, das war keine Option mehr für sie. Ihre Reise war geplant nach dem Motto „Bis zum Ende meines Geldes“. Lisa kam also ohne Geld in eine neue Stadt, in der sie niemanden kannte. Suboptimale Voraussetzungen, um mit einem eigenen Ladengeschäft durchzustarten. Daher hat sie sich wieder einen Job bei einem sozialen Träger in der Obdachlosen- und Suchthilfe gesucht. Am 1. September ist sie umgezogen, am gleichen Tag hat sie mit der Arbeit begonnen. Und die Idee mit dem Laden, die behält sie erstmal für sich.

Lisa Hagels:

Ich hatte natürlich schon die Idee und wollte das auch weiterverfolgen. Aber es war auch so ein bisschen, dass ich gedacht habe, dass Leute das nicht ernst nehmen, weil vielleicht hatte ich auch selber Angst, dass ich mir das jetzt überlegt habe, aber dass ich das dann vielleicht doch nicht mache oder nicht durchziehe.

Sebastian H. Schroeder:

Sie hatte also zwei Sorgen in einer. Erstens, die anderen nehmen mich nicht ernst. Und zweitens, vielleicht haben die ja sogar Recht damit und ich sollte mich besser selbst nicht ernst nehmen. Das Ganze trägt sie erst einmal ein paar Monate mit sich herum, spricht nur mit den engsten Freunden darüber und trifft dann zum Ende ihrer Probezeit eine Entscheidung. Sie möchte einen Realitäts-Check und macht ein Praktikum. Drei Tage bei einem Unverpacktladen. Aber nicht in Bonn, sondern in Münster.

Lisa Hagels:

In Münster vor dem Hintergrund, weil ich nicht wollte, dass mir einer meiner Arbeitskollegen zufälligerweise über den Weg läuft, weil das bis dahin noch niemand wusste.

Sebastian H. Schroeder:

Und dieses Praktikum liegt praktischerweise nur wenige Tage vor dem Mitarbeiterinnengespräch mit ihrer Chefin Nelly. Lisa weiß, dass sie ihr eine Festanstellung anbieten möchte.

Lisa Hagels:

Also sie wollte mir einen unbefristeten Arbeitsvertrag anbieten. Es war ja im Februar und meiner lief dann, glaube ich, noch bis Ende August. Und ich glaube, ich habe ihr direkt zu Anfang gesagt, du Nelly, ich möchte keinen unbefristeten Arbeitsvertrag, weil ich mich selbstständig machen möchte. Ich musste das direkt einmal raushauen.

Sebastian H. Schroeder:

Das ist der Moment, in dem die Idee aus ihr herausbricht, nicht mehr nur bei Freunden, sondern bei ihrer Chefin. Ab jetzt ist es offiziell. Sie wird einen eigenen Unverpacktladen eröffnen.

Lisa Hagels:

Es war wie so ein Bad News-Gespräch, also jetzt musst du Nelly enttäuschen oder ihr mitteilen das. Es ist mir schon auch ein bisschen schwergefallen. Und andererseits war das auch, ja, es war irgendwie ein krasser Moment, weil ich gesagt habe, okay, jetzt hast du hier einen sicheren Arbeitsplatz ausgeschlagen, sprich, du lässt deinen Arbeitsvertrag auslaufen, gehst in Arbeitslosengeld 1 und machst daraus die Gründung, die Existenzgründung. Also es war schon ein krasser Schritt einfach.

Sebastian H. Schroeder:

Und eine Woche später kam Corona. Eine Woche nach dem Gespräch mit Nelly ist die Welt eine andere. Corona, Lockdown, die Läden sind zu. Und Lisas Plan, einen Unverpacktladen zu eröffnen, liegt in weiter Ferne in einem pandemiebedingten Niemandsland.

Lisa Hagels:

Und dann habe ich so richtig gemerkt, also Corona kam und natürlich war ich auch so, oh scheiße, und jetzt? Da hat es sich schnell rumgesprochen. Ich habe das dann auch offen gemacht, weil ich das auch, also dieses vorher das für mich behalten und heimlich sein, das fand ich, also das entspricht mir nicht. Deswegen war ich froh, als ich das dann endlich auch offen kommunizieren konnte.

Sebastian H. Schroeder:

Und dann beobachtet sie, was Corona mit Unverpacktläden macht. Keine Verbote. Aber Verunsicherung: Kunden bleiben weg, mitgebrachte Gläser werden plötzlich als Risiko wahrgenommen. Und ihre Noch-Kolleg:innen schauen auf sie.

Lisa Hagels:

Ich hatte so den Eindruck, dass die Kolleg:innen mich so ein bisschen beobachtet haben. Ja was macht sie jetzt.

Sebastian H. Schroeder:

Aber Lisa zieht durch. Ihr Arbeitsvertrag läuft im August 2020 aus. Sie verlängert nicht, geht in Arbeitslosengeld 1 und fängt an zu arbeiten. Noch nicht im Laden, sondern am Laden, macht einen Businessplan, belegt Gründerseminare und geht auf Standortsuche. Das Ganze dauert seine Zeit, genauer gesagt knapp neun Monate. Bis sie, nach langer Suche und dem Bemühen um eine Finanzierung, ist ja auch nicht selbstverständlich, mitten in einer Krise einen Kredit zu erhalten, endlich die Schlüssel für ihr neues Ladengeschäft in den Händen hält.

Lisa Hagels:

Ich bin einfach, es war, glaube ich, einfach so dieses, ich habe jetzt diesen Schlüssel zu einem Ladenlokal und das war völlig irrational. Ich weiß nicht, ob ich was geträumt habe, aber ich bin völlig panisch aufgewacht und erstmal aus meinem Bett runter, also ich habe so ein Hochbett damals gehabt, um zu checken, dass der Schlüssel auch noch da ist. Weil ich habe gedacht, Gott, wenn du das jetzt jeden Morgen hast, das ist aber stressig. Habe ich zum Glück nicht.

Sebastian H. Schroeder:

Es geht also weiter, trotz Pandemie. Der Laden ist etwas unförmig, 4 Meter breit, dafür 18 Meter lang, also wie so ein Schlauch, und auch nicht in bester Lage, aber das ist ihr egal. Also natürlich nicht ganz egal, aber was soll man machen. Am 11. September 2021 öffnet LiMa`s fairpackte Welt das erste Mal die Türe. Zur Erinnerung: Das war die Zeit, wo die vierte Corona-Welle angefangen hatte. Die Delta-Variante war im Aufkommen und man stellte fest, dass man einen Impfbooster brauchen würde. Also alle noch ein drittes Mal zur Impfung sollten. Es gab zwar kein Lockdown mehr, aber es galten die 3G-Regeln, Maskenpflicht und Kapazitätsbeschränkungen in Innenräumen.

Lisa Hagels:

Ja, also wir durften Kund:innen empfangen. Das war ja schon mal gut. Genau, aber wir hatten eine Begrenzung, maximal sechs Kund:innen gleichzeitig im Laden und mit Maskenpflicht.

Sebastian H. Schroeder:

Man konnte also alles wieder machen, aber so richtig viel los war draußen dennoch nicht.

Lisa Hagels:

Klar, also am Eröffnungstag kamen erstmal super viele Leute, die ja darauf gewartet haben und auch Freunde und Bekannte. Und dann war es eigentlich schon so ein stetiges, ich habe immer gesagt, langsam, aber stetiges Wachstum.

Sebastian H. Schroeder:

Und das klingt einmal mehr in einer gesellschaftlichen Ausnahmesituation schon ganz gut. Wachstum, wenn auch langsam, bis dann aber am 24. Februar 2022 der nächste Paukenschlag kam: Die russische Invasion in die Ukraine.

Lisa Hagels:

Klar, dann kam irgendwann der Ukraine-Krieg und also es bringt natürlich viel Unruhe mit rein. Der Dip, der dann eigentlich kam, war so die Erkenntnis: ja, wir wachsen langsam, aber beständig, aber zu langsam.

Sebastian H. Schroeder:

Zu Beginn hat sie noch einen Existenzgründerzuschuss von der Agentur für Arbeit bekommen. Aber irgendwann musste sie sich natürlich ihr Gehalt selber auszahlen. Und da hat sie dann gesehen, dass die Rechnung noch nicht ganz aufgeht. Also hat sie sich Hilfe gesucht und einen Existenzgründungsworkshop besucht.

Lisa Hagels:

Also die Erkenntnis kam quasi im Rahmen eines Workshops und da ging es darum, BWA lesen und verstehen, also die betriebswirtschaftliche Auswertung. Vorher habe ich da auch schon mal reingeguckt, aber ich habe so gedacht, naja, dieses Minus unterm Strich, das ist ja am Anfang scheinbar normal. Hab es dann auch mal so zaghaft noch in diesem Seminar nachgefragt. Er hat gesagt, ja, aber das müssen wir uns nochmal genauer anschauen. Und dann hatte ich so ein kostenloses Erstgespräch mit dem Seminarleiter da im Nachgang und der hat mir dann die Erkenntnis beigebracht, Frau Hagels, also da müssen Sie nochmal nachfinanzieren und da müssen wir nochmal ein bisschen an der Kostenstruktur schrauben. Und das war so Ende 2022. Das war für mich dann erstmal so ein Tiefpunkt und da kam das kleine Panik P in die Augen.

Sebastian H. Schroeder:

Aber sie war ja in guten Händen. Der Unternehmensberater, der den Workshop gegeben hatte, war zuversichtlich und ihre Bankberaterin hatte sie auch richtig an die Hand genommen.

Lisa Hagels:

Und ja, das war irgendwie alles ganz positiv und wohlwollend. Und ich war schon, naja, super, das ist ja easy peasy hier. Schön.

Sebastian H. Schroeder:

Ja, sie hatte eine mündliche Zusage bekommen und alles war auf dem Weg, seinen bürokratischen Gang zu gehen. So kritisch wie die Situation gewesen war, umso glücklicher war sie, dass sie durch die gute Beratung eine schnelle Lösung gefunden hatte, die nächste Krise zu umgehen. So schien alles.

Lisa Hagels:

Und ja, dann kam irgendwie ein paar Tage vor Weihnachten, es war ein Freitagnachmittag, kurz vor 17:00 Uhr. Wichtige Uhrzeit, weil um 17:00 Uhr ist dann keiner in der Bank mehr erreichbar. Ich stand da gerade im Laden, das war Vorweihnachtszeit, der laden bumsvoll. Und Bernd, ein Stammkunde, sagt da so: Toll, ne? Läuft richtig gut. Und in dem Moment lese ich diese Nachricht und innerlich ist bei mir irgendwie alles weggesackt, weil ich gedacht habe: Scheiße, was mache ich jetzt?

Sebastian H. Schroeder:

Die bis dahin so hilfsbereite Bankerin hatte abgesagt. Unemotional mit einem Dreizeiler: Sehr geehrte Frau Hagels, das mit dem Kredit klappt leider nicht. Mit freundlichen Grüßen.

Lisa Hagels:

Ich habe erstmal den Unternehmensberater, mit dem ich halt das alles aufgesetzt hatte und auch die Gespräche mit der Bank geführt hatte, der ja auch seit Jahren mit dieser Bank kooperiert hatte, kontaktiert und der ist auch aus allen Wolken gefallen und hat gesagt, Frau Hagels, haben wir da im gleichen Gespräch gesessen? So, was ist das jetzt für eine Antwort? Ja, und letztendlich ist die Bank dann dabei geblieben bei der Absage. Also ich sage mal, zwischen den Zeilen war es, also die Unverpackt-Branche hat natürlich schon stark gestrauchelt in den vergangenen Jahren und die hatten halt zwischen den Zahlen, wie sie es geschrieben haben, schlechte Erfahrungen mit der Branche.

Sebastian H. Schroeder:

Was also tun? Eine schnelle Lösung musste her, sonst würde sie das gleiche Schicksal ereilen, das vor ihr in diesen Krisenjahren schon so viele andere Unverpacktläden ereilt hat.

Lisa Hagels:

Also, wenn man sowieso als Quereinsteigerin, dann denkt man, also dann weiß man für sich, Mathe kann ich nicht. Und sowieso sind das alles irgendwie böhmische Dörfer für mich. Man muss immer alles nachfragen und jedes Wort gefühlt manchmal nochmal wieder nach recherchieren.

Sebastian H. Schroeder:

Und wenn man in dieser sowieso schon sehr fordernden Situation noch multiple weltweite und gesellschaftliche Krisen mit bedenken muss, dann wird es halt eng. Nur knapp etwas mehr als ein Jahr nach der Eröffnung stand Lisa kurz vor dem Aus. Vorbei der Traum von der Selbstständigkeit, mit der sie gleichzeitig etwas Gutes tun wollte. In dieser Situation war ihre Mutter da. Sie hat gesehen, wie sehr Lisa kämpfte und was sie bereit war zu ändern. Also machte sie ihr ein Angebot.

Lisa Hagels:

Ja, ich hatte von meiner Mutter zum damaligen Zeitpunkt das Angebot bekommen, dass sie mich da auch finanziell unterstützen kann. Es war von meinem Vater aus der Lebensversicherung Geld da, wo sie gesagt hat, das ist nicht für ihre Rente vorgesehen, also die ist trotzdem gesichert und da brauche ich mir keine Gedanken machen.

Sebastian H. Schroeder:

Lisas Vater war einige Jahre vorher verstorben und nach langem Hin und Her hat sie dann zugesagt. Aber nur unter der Voraussetzung, dass ihre Mutter auch Gesellschafterin wird und wenn es gut läuft, natürlich auch etwas von den Gewinnen erhält. Sie hat also noch zum Jahresübergang eine Gesellschaft mit ihrer Mutter gegründet, damit das Geschäft auch im neuen Jahr weiterlaufen konnte.

Lisa Hagels:

Und das war einfach super anstrengend und ich habe mich dann irgendwie auch bei der Steuerberatung auch entschuldigt und gesagt, es tut mir auch leid, also es ist ja ein Riesenaufwand hier für Sie. Und die haben gesagt, Frau Hagels, kaufmännisch gesehen haben Sie einen Wahnsinnsakt da die letzten Monate geleistet. Und ja, das war eine krasse Erfahrung. Ich bin da auch sehr stolz drauf, dass ich das letztendlich irgendwie so also hinbekommen habe und dass alles geschafft habe. Genau, aber es war eine sehr anstrengende Phase und auch sehr nervenaufreibend auf jeden Fall.

Sebastian H. Schroeder:

Anfang des Jahres war es dann geschafft. Die Gesellschaft war gegründet und seitdem ist sie hier, in Bonn-Beuel, in ihrem Laden, in dem ich inzwischen nicht mehr an der Mehlmühle stehe, sondern schon weiter bin zum Tee. 

Was ich jetzt sehe, das ist ja schon super. Das sind ja große Blätter auch. Also, das ist nicht nur so Resterampe wie im Beutel, sondern. Wie viel ist das denn?

Lisa Hagels:

Was denn?

Sebastian H. Schroeder:

Wie viel ist das jetzt wohl?

Lisa Hagels:

Soll ich mal wiegen?

Sebastian H. Schroeder:

Ja. Dann gehen wir mal wiegen. Also fürs Gefühl.

Lisa Hagels:

Ich muss sagen, im Einschätzen bin ich nämlich auch sehr schlecht. Beziehungsweise haben die Lebensmittel natürlich auch alle unterschiedliche Dichten, und Tee ist halt super leicht. 16 Gramm.

Sebastian H. Schroeder:

Ach Quatsch. Ja, dann mach voll damit, ne? Also ich hätte jetzt gedacht, das sind schon 50 Gramm.

Lisa Hagels:

Das ist halt immer also gerade bei Tee und Gewürzen. Die sind halt super leicht. Und das finde ich halt auch immer super interessant, weil man durch den Unverpackt-Einkauf mal wieder ein ganz anderes Verhältnis dazu bekommt und sich mal wieder damit auseinandersetzt, wie viel wiegt eigentlich so ein Gewürz. Weil wenn du so ein Gewürzstreuer irgendwie kaufst zum Beispiel, so A sind die natürlich meistens gar nicht ganz voll und B, ist es halt super leicht und da ist halt gar nicht viel drin. Und wenn du dann auf den 100 Gramm-Preis guckst, dann sind immer viele gerade bei den Gewürzen erstmal so, oh krass, das ist ja aber ganz schön teuer. Und dann sage ich immer so, ja, weißt du, wie viel 100 Gramm davon ist? Das ist halt mega viel einfach. Genau, das kannst du da ins grüne Eimerchen, das benutzte Schäufelchen.

Sebastian H. Schroeder:

Das Schäufelchen ins Eimerchen.

Lisa Hagels:

Schäufelchen ins Eimerchen, ja. Das ist hier wie auf dem Spielplatz, ne?

Sebastian H. Schroeder:

Lisa führt mich dann noch durch die verschiedenen Abteilungen, bis wir ganz hinten angekommen sind, an einer mit Leuchtstoffröhren angestrahlten Wand mit verschiedenen farbigen Flüssigkeiten daran. Mein Wagen war eigentlich schon voll, mit dem Mehl, dem Tee, mit lokal produziertem Eingemachten, Nüssen, aber eben auch frischen Produkten wie Brot oder Früchten. Hier wollte ich eigentlich nur wissen, was hier so interessant leuchtet und vor allem warum.

Lisa Hagels:

Also wir haben hier halt unsere Putz- und Reinigungsmittel, die so fancy beleuchtet sind. Damit das Putzen wieder attraktiv gemacht wird. Das ist jetzt Geschirrspülmittel, also Spüli. Das ist genau Waschmittelkonzentrat. Haben wir einmal für Naturfasern und für synthetische Fasern. Da das ein Konzentrat ist, brauchst du tatsächlich nur zehn Milliliter pro Waschmaschinenladung. Ja, das ist quasi so ein halbes Schnapsglas voll.

Sebastian H. Schroeder:

Und was machst Du mit dem Rest?

Lisa Hagels:

Zehn Milliliter. Also den Rest nimmst du für deine nächsten Waschgänge.

Sebastian H. Schroeder:

Nee, aber muss ich das aufbereiten und dann in die Waschmaschine tun?

Lisa Hagels:

Du machst es einfach ganz normal ins Waschmittelfach, die zehn Milliliter und dann zieht sich die Waschmaschine ja eh Wasser, mit dem Wasser das Waschmittelkonzentrat, genau, und du brauchst es gar nicht weiter verdünnen. Verrückt. Crazy, ne?

Sebastian H. Schroeder:

Und so doof wie das klingt, an dieser Stelle wurde mir wieder das Ausmaß der Einsparmöglichkeiten von Unverpacktläden klar. Und das hat mich schon beeindruckt. So, jetzt muss ich mal kurz meinen inneren Taschenrechner anmachen. Also zehn Liter.

Lisa Hagels:

Besser du als ich.

Sebastian H. Schroeder:

Zehn Liter, ne? Quasi. Wir haben jetzt zehn Milliliter ist eine Maschine, 100 Milliliter sind zehn Maschinen. Ein Liter sind 100 Maschinen, also sind in ein so einem Kanister 1000 Maschinen Waschmaschine. Teilweise gibt es diese Dinger dann irgendwie in der Drogerie in zweieinhalb Liter. Da bekommst du, weiß ich nicht, ein, zwei Monate mit hin. Mit 1000 Waschmaschinen na da kann ich schon ein bisschen was waschen. Mit einem so einen Kanister.

Lisa Hagels:

Crazy, ne? Ja.

Sebastian H. Schroeder:

Verrückt. Ich packe mir also was ab, ist ja klar. Und rückblickend, im Praxistest muss ich sagen, es funktioniert. Inzwischen ist es später Vormittag. Immer wieder kommen Kund:innen herein, die Lisa betreut, mit ihnen plaudert und zwischendrin natürlich auch abkassiert. Ich frage sie, ob sie sich das so vorgestellt hat. Damals in Bolivien. Also diesen Laden, dieses Leben.

Lisa Hagels:

Ich arbeite wahnsinnig viel für sehr wenig Geld, aber darauf wird man, das kann ich sagen, als Sozialarbeiterin auch gut drauf vorbereitet. Also man arbeitet auch viel für verhältnismäßig wenig Geld. Und wie cool ist das, dass ich eigentlich ja nur Haferflocken verkaufen wollte und jetzt in einem Podcast bin. Und das ist etwas, was ich mir überhaupt nicht vorgestellt habe, dass ich irgendwie in Fernsehbeiträgen bin oder in einem Podcast oder dass es Zeitungsartikel über mich und den Laden gibt. Und ich finde, dass meine Geschichte Mut machen kann, soll, muss: Also vor allem macht sie mir auch Mut und irgendwie die Erfahrung zu machen, ich habe zwar das studiert und gelernt, aber ich kann trotzdem was ganz anderes machen. Und das finde ich halt super wichtig, dass man einfach weiß, dein Leben ist irgendwie nicht festgeschrieben, weil du dich irgendwann mal für irgendwas entschieden hast, sondern du kannst auch wieder eine andere Entscheidung treffen. Ich finde, für mich ist das eine schöne Botschaft. Und ich weiß und hoffe auch für andere Menschen, aber auch insbesondere für Frauen.

Sebastian H. Schroeder:

Eine Frage, die habe ich aber noch, und zwar die, mit der ich gestartet bin. Es gibt viele der früheren Unverpacktläden heute nicht mehr. Aber warum gibt es Lisa noch? Sie hatte keinen besseren Standort, keine geheime Formel. Sie war drin in den gleichen Krisen mit dem gleichen Wind von vorne. Beim Einpacken meiner Sachen verstehe ich einen Teil meiner Antwort: Mehl, Tee, klar. Aber auch Spülmittel, Eingemachtes, Obst, Brot, Gemüse, Joghurt. Das ist ein vollständiger Wocheneinkauf. Bei Lisa muss ich nicht zweimal los. Sie ist nicht der Umweg zum Supermarkt, sie ist das Ziel. Aber das allein erklärt es natürlich nicht. Vollsortiment, das ist eine Entscheidung, die muss man treffen. Aber ich glaube, da liegt noch was anderes hinter. Nicht im Sortiment, sondern in Lisa. Lisa ist eine Person, die einen Weg gegangen ist, den niemand vorgezeichnet hat. Vom Jugendamt nach Costa Rica, von Costa Rica in eine neue Stadt. In einen Laden, mitten in einer Existenzkrise und wieder heraus. Bei jedem dieser Schritte hätte sie aufhören können. Hätte sie sollen, hätten wahrscheinlich viele gesagt, hat sie aber nicht. Und genau das, dieses Weitermachen, wo andere aussteigen, das ist vielleicht sogar die Voraussetzung, da zu sein, wo sie heute ist. Ein ausschlaggebender Punkt für ihren Erfolg ist aber auch etwas anderes. Sie hat Menschen miteinander verbunden und ein regionales Netzwerk geschaffen. Sie ist diejenige, die alle Parteien zusammenbringt, damit lokale Anbieter, Gastronomie und wir als Kundschaft gemeinsam nachhaltiger handeln können. Ohne Lisa könnten Kunden wie ich überhaupt nicht mit all den regionalen Anbietern in Kontakt kommen. Und dann ist da noch ein Punkt, der mir erst beim Rausgehen auffällt. Lisa wollte ursprünglich gar keinen Laden. Sie wollte einen Raum, ein Café, in dem Leute zusammenkommen Und wenn ich mir anschaue, was hier wirklich passiert, Martin, der einfach so reinkommt, Bernd, der ihr Mut zuspricht, während im Hintergrund die Bankmail eingeht. Dann hat sie diesen Raum letztlich gebaut, nur eben verkleidet als Unverpacktladen. 

Beim nächsten Mal bin ich in Apenburg, in einem kleinen Dorf in der Altmark. Dort besuche ich die erste Bio-Bäckerin Sachsen-Anhalts, Karin Bayer. Seit fast 30 Jahren backt sie hier Brot für eine ganze Region. Als Westdeutsche, die kurz nach der Wiedervereinigung in die Altmark zog.

Karin Beier:

Ich war Bio, ich war eine Frau, ich war aus dem Westen, ich muss für die ein Zootier gewesen sein.

Sebastian H. Schroeder:

Gemeinsam mit ihrem Team hat sie Krisen gemeistert, die andere zur Aufgabe gezwungen hätten.

Karin Beier:

Ich weiß nicht, wie wir durch die Nacht gekommen sind. Ich kann es nicht mehr sagen. Wir haben wahrscheinlich nur einen Teil gebacken. Es ist ja gar nicht machbar.

Sebastian H. Schroeder:

Aber auch Innovationen geschaffen, die Aufsehen erregt haben.

Karin Beier:

So ungefähr Siemens und Bosch überlegen, ob sie das machen. Wir fragen mal die Apenburger Landbäckerei. Das ist natürlich total witzig.

Sebastian H. Schroeder:

Das und mehr? Nächstes Mal bei Foodsteps: Nachhaltigkeitsstorys aus dem Bundeszentrum für Ernährung. Produziert von Subtext-Stories. Ein großer Dank geht heute an Lisa Hagels. Mitgewirkt an dieser Folge haben vom Bundeszentrum für Ernährung Claudia Eck und Lars Winterberg. Redaktion von Subtext Stories Felix Epstein-Adam und ich. Mein Name ist Sebastian H. Schroeder und ich freue mich schon auf das nächste Mal.