True Cost Accounting

Win-Win für Wirtschaft, Mensch und Planeten

Auf trocknen Ackerboden befinden sich vertrocknete Maispflanzen die in den blauen Himmel ragen © M.Franke – stock.adobe.com
  • Am Lebensmittelpreis können wir nicht erkennen, welche gesellschaftlichen und ökologischen Folgekosten die Herstellung eines Lebensmittels verursacht.
  • Mit Hilfe von True Cost Accouting (TCA) lassen sich der Nutzen und die wahren Kosten der Lebensmittelproduktion immer besser beziffern.
  • Pflanzliche Produkte verursachen weniger Kosten für die Gesellschaft als tierische; Bioprodukte schneiden im Vergleich meist besser ab.
  • Zunehmend mehr Unternehmen nutzen True Cost Accounting, um herauszufinden, wie sie zum Wohl von Mensch und Erde wirtschaften können.
  • Eine Studie im Auftrag des BMLEH empfiehlt den Aufbau einer öffentlichen True Cost Datenbank und die Verständigung auf einheitliche Methoden.

Preise spiegeln nicht die wahren Kosten

Der Preis eines Lebensmittels informiert darüber, was das Produkt kostet. Er ist für viele Menschen ein wichtiger Anhaltspunkt beim Einkauf. Am Ladenpreis kann man allerdings nicht erkennen, ob die Lebensmittelproduktion das Gewässer, das Klima oder die Artenvielfalt belastet oder ob sie einen positiven Impact auf unsere Umwelt hat. Das zeigt sich erst später, zum Beispiel bei Ernteverlusten durch Trockenheit oder Überschwemmung oder dem Rückgang der Insekten. 

Diese versteckten Folgekosten werden auch „Hidden Costs“ genannt, sie sind aber ganz real. Die Beseitigung von Schäden oder Ausgleichszahlungen müssen über Steuern, Krankenkassenbeiträge oder die Wasserrechnung finanziert werden. Das heißt, am Ende kommen die Steuerzahlenden für vertrocknete Maisfelder auf, die Schädigung von Wäldern oder die negativen Auswirkungen auf die Gesundheit. Oder sie werden auf Personengruppen verlagert, die diese Schäden nicht verursacht haben, aber mit den Folgen leben müssen.

Kostenwahrheit hilft beim Umsteuern

Das Schweizer Bundesamt für Landwirtschaft präsentierte im Jahr 2025 Ergebnisse zu den versteckten Kosten des Schweizer Ernährungssystems. Sie liegen bei 38,5 Milliarden Franken und werden im Wesentlichen durch ungesunde Ernährungsmuster, Verlust an biologischer Vielfalt, Stickstoff- und Treibhausgasemissionen verursacht. Die Erkenntnisse werden nun genutzt, um die Schweizer Ernährungspolitik nachhaltiger auszurichten. 

Eine Studie aus den Niederlanden beziffert den ökonomischen Nutzen des niederländischen Agrarsystems auf 13,3 Milliarden Euro, die gesellschaftlichen Schäden hingegen auf 18,6 Milliarden Euro. Auf dieser Basis entwickelte das Gutachterteam vier Szenarien für ein resilientes Ernährungssystem, das gleichzeitig wirtschaftlich leistungsfähig ist, Klimaextreme abpuffert, Wasserprobleme und Abhängigkeiten reduziert und die öffentliche Gesundheit fördert. Denn volkswirtschaftlich betrachtet ist es günstiger, Schäden zu vermeiden, als sie später zu beseitigen. 

„Kostenwahrheit bedeutet, die Grundprinzipien der Volkswirtschaft umzusetzen.“  

Prof. Dr. Siegrid Stagl, Österreichische Umweltökonomin 2026

Fortschritte beim True Cost Accounting

„True Cost Accounting (TCA) ist ein ganzheitlicher und systemischer Ansatz, der misst und bewertet, welcher Nutzen und welche Schäden die Lebensmittelproduktion für die Umwelt, die Gesellschaft und die Wirtschaft mit sich bringt.“ 

Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, FAO 2023

Seit über 20 Jahren arbeiten Forschungsverbünde und Unternehmen daran, die ökologischen und gesellschaftlichen Folgekosten und den Nutzen der Ernährungsproduktion zu monetarisieren. In den letzten Jahren gab es große Fortschritte. Denn diese Informationen sind wichtig für Investorinnen und Investoren, Ernährungsunternehmen, Unternehmerverbände, landwirtschaftliche Organisationen, Politik und Behörden. Sie zeigen, wie nachhaltig ein Produkt, ein Unternehmen oder eine Geldanlage wirklich ist - und wo es Verbesserungsbedarf gibt. Die vollständige Kostenbetrachtung ist auch für Ratingunternehmen und Shareholder interessant, um Risiken und den wahren Wert von Unternehmen zu ermitteln.

Mit Hilfe von TCA lassen sich mittlerweile die wahren Kosten für einzelne Lebensmittel oder Gerichte ermitteln. Es ist aber auch möglich, ökologische und herkömmliche Produktionsweisen miteinander zu vergleichen. True Cost Accounting kann sogar zur Kosten-Nutzenbewertung von Ernährungsweisen oder Ernährungsempfehlungen herangezogen werden. Auf diese Weise lassen sich auf allen Stufen der Ernährungsproduktion Hebel identifizeren, um das Ernährungssystem nachhaltiger auszurichten.

Noch fehlen einheitliche Standards 

Trotz aller Fortschritte: Bei der Abschätzung der versteckten Kosten des deutschen Ernährungssystems gibt es noch hohe Schwankungsbreiten, stellen die Wissenschaftler Adrian Müller und Kevin De Luca 2026 in einem kurzen Artikel fest. Je nach Ansatz lagen die versteckten Kosten des deutschen Ernährungssystems im Jahr 2020 zwischen 252 und 328 Milliarden Euro, so die Schätzungen der FAO. Zum Vergleich: Die Konsumausgaben für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke betrugen laut Statista im gleichen Jahr gut 160 Milliarden Euro. 

Um die Sichtbarkeit und den Austausch über True Cost Accounting voranzubringen, haben sich Hochschulen, der Thinktank TMG und die Organisation Misereor zur True Cost Alliance zusammengeschlossen. 

Vor- und Nachteile der Effienzsteigerung

Technischer Fortschritt und Preisdruck auf dem globalen Lebensmittelmarkt haben in der Landwirtschaft zu einer hohen Effienzssteigerung geführt. Heute ernährt eine Landwirtin beziehungsweise ein Landwirt über 150 Bürgerinnen und Bürger und damit neunmal mehr als in den 1960er-Jahren. Diese Entwicklung wurde durch den großflächigen Einsatz von Maschinen, Dünge- und Pflanzenschutzmitteln und den Wegfall von Personal in der Landwirtschaft begleitet. Die Verbraucherinnen und Verbraucher bekamen dadurch mehr für ihr Geld: Mussten sie 1961 für ein Kilo Brot noch 19 Minuten arbeiten, waren es im Jahr 2022 laut Statista nur noch 10 Minuten.  

Effizienz hat ihren Preis

Die Kehrseite der Entwicklung ist: Die Betriebe verdienten immer weniger am Produkt. Sie mussten immer mehr produzieren, um ihre Kosten zu decken. Der globale Agrar- und Ernährungssektor ist mittlerweile in hohem Maße abhängig von fossilen Brennstoffen, berichtet die Globale Alliance for the Future of Food. Gleichzeitig emittiert er gut 30 Prozent der vom Menschen verursachten Treibhausgase. Zum Preis der Intensivierung gehört auch der Verlust der biologischen Vielfalt, für die das globale Ernährungssystem hauptverantwortlich ist (Handbuch “True Cost – From Costs to Benefits in Food and Farming”). 

“Wir operieren immer noch mit einem alten Konzept von Wirtschaft, in dem der Verschmutzer einen Konkurrenzvorteil hat”. 

Volkert Engelsman, Unternehmer und Gründer der Robin Food Coalition, 2025

Preise steuern Produktion und Einkauf

Wenn die wahren Kosten nicht eingepreist sind, dann scheinen die Produkte günstiger, als sie eigentlich sind. Günstige Lebensmittel verkaufen sich besser. Das führt dazu, dass von den Lebensmitteln mehr produziert werden, die uns in Wahrheit teuer zu stehen kommen. Unternehmen hingegen, die nachhaltig wirtschaften und ihre Lieferantinnen und Lieferanten fair bezahlen, haben in der Regel höhere Kosten. Das führt zu höheren Produktpreisen. Dadurch sinkt die Kaufbereitschaft für die Produkte, die dazu beitragen, unsere Lebensgrundlagen zu erhalten und mehr Gerechtigkeit herzustellen. Ökonomen, wie Prof. Dr. Tobias Gaugler nennen das Marktversagen. Denn ein scheinbar günstiger Ladenpreis steuert das Einkaufsverhalten in eine Richtung, die uns gesamtgesellschaftlich teuer zu stehen kommt. Das ist keine neue Erkenntnis. Die Erstautorin des Gutachtens “Grenzen des Wachstums” formulierte es im Jahr 1999 so: 

„Die Preissignale, die uns darüber informieren, was billig und was teuer ist und was wir uns leisten können, sind so verzerrt, dass wir als Konsumierende keine Möglichkeit haben, intelligente Entscheidungen zu treffen, wie wir ein nachhaltiges Leben führen, das anderen Menschen und dem Planeten gerecht wird.“ 

Donella Meadows,Vortrag "Sustainable Systems an der University of Michigan Ross School of Business.

Fortschritte in der Wissenschaft

Der Thinktank TMG identifizierte im Jahr 2025 gut 23 Rahmenwerke und Leitlinien, die eingesetzt werden, um die Folgekosten und den Nutzen von Produktionsweisen, Unternehmen oder auch Ernährungsweisen zu berechnen. Das ist ein Ergebnis der Studie „True Cost Accounting – Roadmap für den deutschen Agrar- und Ernährungssektor“ im Auftrag des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH).

Das Forschungsteam stellte auch fest, dass die meisten TCA-Instrumente die Folgekosten für die natürliche Umwelt untersuchen, also die Wirkung der Lebensmittelproduktion auf Böden, Gewässer und Klima. Deutlich seltener wird ermittelt, welche Folgen die Lebensmittelproduktion auf die Gesellschaft und das Wohlergehen der Menschen hat. Auch fehlen Daten, mit denen sich die positiven Wirkungen von agrarökologischen Praktiken berechnen lassen, wie etwa der Anbau in Agroforstsystemen.

Der größte Engpass für den standardisierten Einsatz von True Cost Accounting sei bislang die Verfügbarkeit und die Qualität der Daten, mit denen man die Folgekosten abbilden kann, schreiben die Autorinnen und Autoren.

„Solche Daten müssten Allgemeingut sein, das heißt, frei zugänglich sein und es braucht jemanden, der sie pflegt und die Datenqualität sichert.“ 

Alexander Müller, Geschäftsführer des TMG Think Tank for Sustainability

Welche Kosten werden beim True Cost Accounting ermittelt?

Zu den versteckten Kosten der Lebensmittelproduktion gehören zum Beispiel Gesundheitskosten durch Stickoxide, Feinstaub und Treibhausgase, Schäden durch Bodenerosion, Überdüngung von natürlichen Lebensräumen, Lebensmittelabfälle, Antibiotikaresistenzen oder Lebensmittelimporte aus wasserarmen Gebieten. 

Man unterscheidet vier Kostenarten

  • Naturkapital beinhaltet die Ökosystemleistungen der Natur. Hier wird zum Beispiel ermittelt, welche Wirkung die Aktivitäten von Unternehmen auf das Klima haben, den Erhalt von Wasserressourcen oder die Böden.
  • Sozialkapital steht für Netzwerke, Institutionen, Normen und Werte, die unserer Gesellschaft zu Grunde liegen. Hier wird zum Beispiel ermittelt, ob Menschenrechte eingehalten werden, ob es geschlechtsspezifische Ungleichheiten gibt oder Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit.
  • Humankapital misst das Wohlergehen der Beschäftigten. Dazu gehören ihre Arbeitsbedingungen, ihre Gesundheit und ihre Entlohnung.
  • Produziertes Kapital steht für die finanziellen Leistungen eines Unternehmens.

Informationen über wahre Preise verändern die Nachfrage

In der Öffentlichkeit bekannt wurde vor allem die „Wahre Preise“-Kampagne von PENNY, in Zusammenarbeit mit der Universität Greifswald und der Technischen Hochschule Nürnberg. In diesem Experiment wurden die wahren Kosten von ausgewählten Bio- und Nicht-Bio-Produkte ermittelt und für eine begrenzte Zeit in PENNY-Märkten ausgezeichnet.

Die Begleitforschung zeigte: Die Information über wahre Preise direkt am Supermarktregal senkte die Nachfrage nach Produkten mit hohen Folgekosten. Mehr Transparenz über wahre Kosten könnte demnach die Veränderungen des Einkaufsverhaltens unterstützen, heißt es in einer neueren Publikation des Forschungsteams. Nach Einschätzung der Forschenden sei es aber nicht Aufgabe der Konsumentinnen und Konsumenten, für die Schäden aufzukommen, die bei der Produktion verursacht werden. Diese sollten vielmehr von vorneherein vermieden werden. Die Darstellung der wahren Preise könne aber als Gedankenanstoß für einen bewussten Konsum dienen. 

Wahre Kosten von Penny-Produkten

Wahre Kosten leicht erklärt

Bei True Cost Accounting geht es nicht darum, die Produkte teuerer zu machen, sondern Entscheidungsträgern in Unternehmen, Behörden und Politik fundierte und vollständige Informationen zur Verfügung zu stellen, erklärt Dr. Amelie Michalke im Video (Länge 03:43 Minuten).

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Quelle: Technische Hochschule Nürnberg / Universität Greifswald

Ökologische Leistungen sichtbar machen

Mit Hilfe der Regionalwert-Leistungsrechnung haben landwirtschaftliche Betriebe, Handels- und Verarbeitungsunternehmen begonnen, den Wert ökologischer und gesellschaftlicher Leistungen zu ermitteln, darunter die Erzeuger-Verbrauchergenossenschaft EVG Landwege oder auch die Brauerei Lammsbräu.

So erbringt beispielsweise der Demeter Hof Haus Bollheim mit einer Gesamtfläche von 160 Hektar pro Jahr über 370.000 Euro Mehrwert für die Ökologie, Gesellschaft und Regionalökonomie, die bisher in keiner Bilanz erfasst werden. Mit dem Ansatz könnte man grundsätzlich die Leistungen aller Höfe ermitteln, gleich ob bio oder nicht, hoffen die Entwickler der Methode. Denn eine Landwirtschaft, die nicht nur Erträge bringt, sondern auch Gewässer, Umwelt und das Klima schützt, macht Arbeit und braucht Zeit. Diese Arbeit muss honoriert werden. Denn unser Wohlergehen hängt nicht nur von gesunden Lebensmitteln ab, sondern auch von sauberem Wasser, einem stabilen Klima und der biologischen Vielfalt.  

Stimmen aus der Praxis

An der Frage, wie wir mehr Kostenwahrheit herstellen können, arbeiten mittlerweile viele Akteurinnen und Akteure.

Ein Unternehmensnetzwerk legt los

Der Unternehmer Volkert Engelsman hat mit der Robin Food Coalition – resilience in food, farming & finance ein Unternehmensnetzwerk gegründet. Über 100 niederländische Betriebe arbeiten daran, True Cost Accounting in ihre Analysen, Bilanzen, ihr Reporting und die Unternehmensstrategien zu integrieren. Sein Motto:

„Wir streben eine Wirtschaft an, in der Gewinn nur dann Gewinn ist, wenn auch Menschen und Planet davon profitieren.” 

Volkert Engelsman, 2025

Ein Bewertungsinstrument für alle Höfe, gleich ob Bio oder nicht

Der britische Sustainable Food Trust hat die Global Farm Metric entwickelt, um die Resilienz, Folgekosten und Nutzen von landwirtschaftlichen Betrieben abzubilden. Mitgründer und Landwirt Patrick Holden schlägt vor, dass dieses Messinstrument in Zukunft die Nachhaltigkeit von allen landwirtschaftlichen Betrieben ermittelt und auf Dauer die Biokontrollen ablöst. Denn die würden ausschließlich Bio-Betriebe belasten, nicht aber deren positiven Impact messen.

„Mit einem einzigen Nachhaltigkeitsaudit für alle landwirtschaftlichen Betriebe könnten wir die Kluft zwischen Bio- und Nicht-Bio-Betrieben schließen." 

Patrick Holden, 2025

Faire Erzeugerpreise und pragmatische Lösungen vor Ort

Das Agrarbündnis setzt sich seit Jahren dafür ein, dass Landwirtinnen und Landwirte kostendeckende Preise erhalten. Auch bei den Transportkosten müssten die ökologischen Schäden eingepreist werden, meint Vorstandsmitglied Jochen Dettmer. So könnten regionale Produkte wieder konkurrenzfähig werden. Maßnahmen des Umwelt-und Gewässerschutzes seien ein zentraler Beitrag für ein resilientes Ernährungssystem. Um die Bürokratie schlank zu halten, sollten sich Landwirtschaft und Naturschutz zusammentun und Maßnahmen vereinbaren, die zur Region passen, wie etwa im niederländischen Modell. 

“Kontrollen und Nachweisführung für Umwelt- und Gewässerschutz müssen vereinfacht werden und zu den Gegebenheiten vor Ort passen." 

Jochen Dettmer, Vorstandsmitglied des Agrarbündnis

Wahre Kosten von Ernährungsweisen

Mit dem interaktiven Rechner des europäischen Forschungsprojekts SAFAD (Sustainability Assessment of Foods and Diets) lässt sich der ökologische Fußabdruck von Lebensmitteln, Getränken und Gerichten ermitteln. Zugrunde liegen acht Umweltindikatoren sowie Indikatoren für Tierwohl und Antibiotikaeinsatz. Mit dem Tool kann man sich auch anzeigen lassen, welche ökologischen Folgen der deutsche Speisplan hat. Allerdings erlauben die Daten noch keine Differenzierung zwischen Bio- und Nicht-Bio-Produkten. 

DGE-Empfehlungen sind auch gut für die Umwelt

In dem europäischen Forschungsprojekt PLAN'EAT hat der Thinktank TMG untersucht, welche versteckten Kosten die Ernährungsmuster in Frankreich, Irland und Deutschland verursachen. Der Ländervergleich zeigt, dass die Ernährungsmuster in Deutschland die höchsten gesellschaftlichen Kosten verursachen, vor allem im gesundheitlichen Bereich. 

Würde es allen Bürgerinnen und Bürgern gelingen, ihre nationalen Ernährungsempfehlungen einzuhalten, dann würden nicht nur die Gesundheitskosten, sondern auch die Umweltschäden sinken, berichtete die Ökonomin Olivia Riemer, Forschungsleiterin bei TMG auf der europäischen FoodCost Konferenz im Frühjahr 2026. Den größten Gesundheits-Benefit brächte in allen drei Ländern eine Ernährung nach den Prinzipien der Planetary Health Diet. Eine Ernährung nach den neuen DGE-Empfehlungen würde sogar noch weniger Umweltschäden als die Planetary Health Diet verursachen. Diese Ergebnisse seien aber noch mit Vorsicht zu genießen, heißt es in dem Bericht True Costs and Benefits of 3 EU Dietary Patterns, denn die Methodik sei noch nicht vergleichbar.

Win-Win für Wirtschaft, Mensch und Planeten

Wir stehen vor einem Dilemma: Die Preise sollen nicht steigen. Die Folgeschäden aber auch nicht. True Cost Acounting zeigt Wege aus diesem Dilemma, denn bei genauer Betrachtung von Nutzen und Schäden zeigen sich Lösungen, die Mensch, Umwelt und Wirtschaft gleichermaßen zu Gute kommen. Das zeigte 2026 auch die Abschlusskonferenz des europäischen Forschungsprojektes Foodcost:

  • Kommunen, Länder oder Regierungen können die Beschaffung von Lebensmitteln nachhaltiger ausrichten sowie Werbung und Marketing regulieren.
  • Subventionen können gezielt ökologische und soziale Leistungen honorieren. In der Diskussion sind auch Zertifikate, die nicht nur den CO2-Fußabdruck, sondern die ökologischen und gesellschaftlichen Folgen der Produktion bewerten.
  • Es gibt die Möglichkeit, Preise oder Abgaben in eine günstige Richtung zu verändern, etwa durch die Mehrwertsteuer.
  • In Nachbarschaften, in Kantinen oder auch im Lebensmittelhandel gibt es viele Möglichkeiten die gesunde Wahl zur einfachen Wahl zu machen. Mit der Kampagne „Good Food Retail“ beispielsweise unterstützt die Stadt London kleine Geschäfte, ihr Angebot zu verbessern. Mehr auf der Webseite Sustainweb
  • Schulmensen können externe Kosten reduzieren, wenn sie Mahlzeiten mit regionalem Getreide oder Hülsenfrüchten anbieten. In den meisten Fällen wurden die Mahlzeiten dadurch sogar günstiger, zeigte eine Dreiländerstudie
  • Unternehmen wiederum können die wahren Kosten schon bei der Produktentwicklung berücksichtigen und damit ihre Resilienz und Kreditwürdigkeit verbessern.
  • Eine weitere Möglichkeit ist es, die Informationslage zu verbessern. Im Projekt True Mensa der TH Nürnberg beispielsweise ermittelte ein Forschungsteam, wie sich das Verhalten der Gäste verändert, wenn sie durch eine doppelte Preisauszeichnung die wahren Preise der Gerichte erfahren.

Ein wichtiger Schritt zu mehr Kostenwahrheit ist, dass Methoden und Standards für alle gleich und die Daten für True Cost Accounting zugänglich sind. Daher empfiehlt der Thinktank TMG in seiner Studie „True Cost Roadmap” einen Multi-Stakeholder-Prozess, in dem sich die unterschiedlichen Akteure auf einheitliche Erhebungsmethoden verständigen.

Globale Perspektiven

Es gibt durchaus auch Kritik an der Idee, allem einen ökonomischen Wert zuzumessen. Indigene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weisen zum Beispiel darauf hin, dass die Art und Weise der Umsetzung entscheidend ist. Ein Forschungsteam unter Leitung der Wissenschaftlerin Nicole Redvers stellte in einer Studie fest: Völker, die seit Jahrtausenden Leistungen für den Erhalt des ökologischen Gleichgewichtes erbringen, hätten wenig von solchen Berechnungen, wenn ihre Landrechte nicht anerkannt würden, sie nicht auf Augenhöhe bei der Entscheidungsfindung mitsprechen könnten oder sogar von ihrem Land vertrieben würden. 

Eine Studie der Maasai International Solidarity Alliance (MISA) dokumentiert Missstände bei der Umsetzung zweier Projekte, die westlichen Konzernen ermöglichen sollten, ihre Treibhausgasemissionen zu kompensieren.  Der Effekt war, dass die Gemeinden die Kontrolle über ihr Weideland verloren und jahrhundertealte, ökologisch wertvolle Praktiken nicht mehr ausüben können, die ihr Überleben sichern.

„Als Lebensmittelkonsumenten müssen wir alle verlangen, dass die Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft transparent und rechenschaftspflichtig sind … und dass sie über die wahren Kosten und Auswirkungen von Lebensmitteln informieren.“

 (TCA Agrifood Handbook  2022, S. 7) 

 

Meilensteine der True Cost Forschung

True Cost von Döner, Falafel und Burger

Der Diskurs über die wahren Kosten des Ernährungssystems ist auch in den Medien angekommen. In der zweiteiligen ZDF-Reportage von 2025 True Cost – Was unser Konsum wirklich kostet macht sich die Journalistin Laura Hohmann auf die Suche nach den wahren Kosten von Döner-und Falafel Sandwich. Sie wird dabei unterstützt durch Prof. Dr. Tobias Gaugler und seinen wissenschaftlichen Mitarbeiter und Doktoranden Benjamin Oebel. Wie würden die Preise aussehen, wenn man die Folgekosten einrechnen würde? 

True Cost vom Acker bis zum Teller

True Cost Accounting umfasst alle Bereich der Ernährungsproduktion vom Acker bis zum Teller. Die Frage, welcher Nutzen und welche Schäden mit der Lebensmittelproduktion verbunden sind, wird in der Bundesanstalt für Ernährung und Landwirtschaft seit mehreren Jahren aus unterschiedlichen Perspektiven bearbeitet und begleitet. Hier finden Sie Beiträge des BZfE, von Ökolandbau.de und dem Bundeszentrum Landwirtschaft:


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